Marcel Fratzscher
Top-Ökonom warnt vor Staatspleite Russlands

Der Westen erwägt härtere Sanktionen gegen Moskau. Manche Politiker liebäugeln sogar mit dem Ausschluss vom internationalen Zahlungssystem Swift. Ökonomen sehen darin allerdings „große Gefahren“ – nicht nur für Russland.
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BerlinNach Einschätzung von Ökonomen in Deutschland könnte ein Ausschluss Russlands aus dem Interbankensystem Swift verheerende Konsequenzen nach sich ziehen. Eine entsprechende Forderung hatten die US-Senatoren John McCain und Lindsey Graham, EU-Parlamentarier und deutsche Politiker wie Grünen-Chef Cem Özdemir erhoben.

Eine solche Maßnahme könne „katastrophale Auswirkungen für das russische Finanzsystem haben und das Land in eine tiefe Finanzkrise stürzen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Die Konsequenz könnte nicht nur eine Bankenkrise, sondern ultimativ auch die Zahlungsunfähigkeit des russischen Staates sein.“

Swift („Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication“) wickelt den internationalen Zahlungsverkehr von mehr als 10.000 Banken in 215 Ländern ab. In Russland ist Swift mit seiner Unterorganisation Rosswift vertreten. Da Swift im belgischen La Hulpe ansässig ist, steht es unter EU-Recht.

Voraussichtlich könnte der Rat der Europäischen Union einen Ausschluss Russlands beschließen. Swift wäre demnach untersagt, russischen Banken, die mit europäischen Sanktionen belegt sind, Finanzdaten-Übermittlungsdienste anzubieten.

Diese Maßnahme war vor drei Jahren über den Iran verhängt worden. Damals entschieden die Vereinigten Staaten und die EU, Iran wegen seines Atomprogramms von Swift abzuschneiden. Die Verbindungen aller westlichen Geldinstitute zur iranischen Zentralbank und zu den großen Banken des Landes wurden gekappt. Der Außenhandel, vom Ölexport bestimmt, brach ein, die iranische Währung verlor rasant an Wert. Die Folge: Iran bewegte sich an den Verhandlungstisch.

Ist ein solcher Schritt auch in Bezug auf Russland realistisch? Schon im vergangenen Jahr unterbreiteten republikanische Senatoren dem amerikanischen Finanzminister Jacob Lew den Vorschlag, Russland von Swift zu isolieren. Auch das Europaparlament forderte am 18. September die EU auf, ein solches Vorgehen zu erwägen. Angesichts der jüngsten Eskalation in der Ukraine forderten die US-Senatoren John McCain und Lindsay Graham vor wenigen Tagen sogar, Russland sofort von Swift abzukoppeln.

Sie erinnerten Präsident Barack Obama an sein Versprechen beim Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Kosten für Russland so lange in die Höhe treiben zu wollen, bis Kreml-Chef Wladimir Putin einlenke. Eine erste Maßnahme sei der sofortige Ausschluss aus dem weltweiten Bankensystem.

Kommentare zu " Marcel Fratzscher: Top-Ökonom warnt vor Staatspleite Russlands"

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  • Unabhängig von allem: Wer hier den 'Focus' zitiert bzw. Links zu entsprechenden Artikeln veröffentlicht, ist sich offenbar nicht im Klaren darüber, welch' Geistes Kind dieses Käseblatt mit eindeutiger Tendenz und seine Mannschaft sind. Das hat mit objektiver Berichterstattung nichts zu tun. Man lese besser das Handelsblatt - sofern der geistige Horizont hier genügend Ressourcen hergibt .....

  • Wovor warnen die Frösche? Vor dem Austrocknen des Sumpfes. Na klar, ist ein gemeinsamer Handel gut für die beteiligten Seiten, und wenn man nicht handelt, ist es eben nicht so gut. Klar ist auch, daß wenn Rußland vom Swift-System abgeschnitten wird, man eigene Nachteile in Kauf nehmen muß. Aber hier geht es darum, ob in Europa ein System gleichberechtigter und freier Beziehungen zwischen den Staaten erhalten werden kann, ohne Annektierungen, ohne fünfte Kolonnen, ohne militärische Einmischungen. Ja, und wir sollten in Europa auch darüber nachdenken, wie wir die Folgen von Sanktionen gegen Rußland solidarisch mildern können. Nach Abwägung des Für und Wider gibt es also die klare Antwort, ja, Abschneiden von Swift, damit in Rußland die wirtschaftlichen Akteure in der Politik ein Umdenken über die eigenen Staatsgrenzen bewirken. Anders ausgedrückt, der Druck der freien Welt muß so lange und so intensiv erhöht werden, bis sich Rußland auf sein eigenes Staatsterritorium zurückzieht. Das heißt, gleichberechtigter Teil der Weltgemeinschaft kann Rußland nur ohne die Krim und ohne die Ostukraine sein. Bis dahin muß jede nichtmilitärische Option erlaubt sein.

  • @Thomas Hobmaier
    "Alternative Energiequellen ..."

    Tja, aus Sonne und Wind kann man aber weder Tabletten, Lacke oder Kabelummantelungen herstellen. All das - und noch viel mehr wird aus Erdöl hergestellt.

    immer wieder diese naiven Grünen. Grün hinten den Ohren denke ich :-)

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