Marine Le Pen
Frankreichs gefährliche Angst vor Rechtsextremen

Die Front National versetzt die demokratischen Parteien mit ihrem Sieg bei einer eigentlich unbedeutenden Regionalwahl in eine Schockstarre. Dabei ist die Partei sehr leicht angreifbar – bei ihrem Wirtschaftsprogramm.
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ParisSie ist skrupellos, diszipliniert und machtversessen. Marine Le Pen hat von ihrem Vater Jean-Marie ein ansehnliches Vermögen und die Front National, einen notorisch zerstrittenen Haufen Rechtsextremer übernommen. Ihr eigenes Geschick, vor allem aber der Dilettantismus und die Reformscheu der französischen Parteien könnten dazu führen, dass aus der politischen Resterampe des rechtsextremen Lagers bei den Europawahlen im nächsten Jahr die stärkste Formation wird. Eine Umfrage des seriösen Ifop-Instituts sieht die Front National erstmals mit 24 Prozent ganz vorne.

Am Wochenende feierten die Rechtsextremen, als gehörte ihnen halb Frankreich. Dabei hat die Front National lediglich eine unbedeutende Regionalwahl in einem Kanton in Südfrankreich gewonnen. 5000 Stimmen bekam ihr Kandidat, gut 4000 die Vertreterin der gemäßigten Rechten.

Es ist ein hässliches Ergebnis, eine Schmach, weil die demokratischen Parteien ihre Wähler nicht an die Urnen brachten. Aber machtpolitisch gesehen ein Nicht-Ereignis. Die FN stellt durch ihren Sieg bei dieser Nachwahl in einem einzigen Kanton nun zwei von 3869 Regionalräten.

Die Politiker und große Teile der Medien aber verhalten sich, als stünde die Rechtsfront kurz davor, die Macht zu übernehmen. Seit Monaten reduziert sich die politische Debatte der demokratischen Parteien nur noch auf die Frage, wen man wählt, falls ein FN-Kandidat im Frühjahr 2014 bei der Kommunalwahl in eine Stichwahl kommt.

Die Diskussion wird so geführt, als sei die Front bereits das Scharnier der französischen Politik: Angst ersetzt Verstand. Genau das wollte Marine Le Pen erreichen. Alle beziehen sich auf sie. „In zehn Jahren regieren wir Frankreich, hoffentlich früher“, tönte sie mit gönnerhaftem Lächeln am Montagmorgen in einem Fernsehstudio.

Der Staatspräsident selber, der sich nicht in die Tagespolitik einmischen sollte, heizt die Hysterie kräftig mit an. „Noch sitzen wir hier, aber wir wissen, es könnten auch andere sein“, orakelte Francois Hollande vor zwei Wochen in einer Kabinettssitzung im Elysée-Palast mit Blick auf die FN – ganz so, als stünden die Rechtsradikalen kurz davor, in den Amtssitz des Präsidenten einzuziehen.

Die Sozialisten trifft ein großer Teil der Schuld am Erstarken der FN. Als Präsident änderte Francis Mitterrand in den 80er-Jahren das Wahlrecht, um die gemäßigte Rechte zu schwächen. Erkauft hat er das mit dem Einzug der FN ins Parlament. In seiner eigenen Wahlkampagne 2012 vermied Hollande es, sich hart mit den Rechtsextremen auseinander zu setzen.

Stattdessen zeigte er Verständnis für „das Leiden der Franzosen, das in den Stimmen für die FN“ zum Ausdruck komme. Genau das will die FN hören: Frankreich leidet. Es ist zwar das Land mit den höchsten Renten, der großzügigsten Versorgung von Arbeitslosen und einem Staat, der aus dem Vollen schöpfen kann. Aber die gemäßigten Politiker reden über ihr Land, als müsse die Mittelschicht bereits ihr Essen aus den Mülltonnen klauben.

Kommentare zu " Marine Le Pen: Frankreichs gefährliche Angst vor Rechtsextremen"

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  • "Sie ist skrupellos, diszipliniert und machtversessen."
    Das trifft auf Frau Merkel auch zu. Müssen wir uns jetzt vor ihr auch fürchten? Wieso will uns das HB Angst vor einer legitim gewählten Partei machen? Wenn die anderen Parteien anständige Politik machen würden, dann würde keiner die Rettung in den extremen Parteien sehen. Also sollte sich 700000€-Merkel genau überlegen, wie sie zukünftig regiert. Eventuell gibt es sonst auch bei uns mal ein böses Erwachen für die korrupten etablierten Parteien.


  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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