Marine Le Pen „Ich fordere den totalen Krieg“

Nach dem Anschlag, kurz vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich, müssen sich die Kandidaten auf einen neuen Wahlkampf einstellen. Und greifen zu radikalen Mitteln. Wird die Wahl zum Urnengang im Zeichen des Terrors?
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So nutzt Marine Le Pen den Paris-Anschlag für ihren Wahlkampf

So nutzt Marine Le Pen den Paris-Anschlag für ihren Wahlkampf

ParisWeniger als 48 Stunden vor der Öffnung der Wahllokale haben die Präsidentschaftskandidaten mit ausführlichen Stellungnahmen auf den Anschlag vom Vorabend reagiert, bei dem mitten auf den Champs Elysées in Paris ein Polizist getötet, zwei weitere verletzt und der Angreifer erschossen wurden.

In schrillsten Tönen äußerte sich die rechtsextreme Marine Le Pen. „Ich fordere den totalen Krieg“, rief sie in ihrem Hauptquartier in die Kameras. In der bekannt maßlosen Rhetorik des Rechtsextremismus verstieg sie sich zu der Behauptung: „Seit zehn Jahren haben die Regierungen der Rechten und der Linken alles dafür getan, damit wir diesen Krieg verlieren.“ Die „tausendjährige Seele unsere Volkes muss erwachen, um der blutigen Barbarei zu widerstehen“, beschwor die in einem schwarzen Gewand auftretende Frontfrau des Front National.

Was die Franzosen von ihrem neuen Präsidenten erwarten
Der Restaurant-Besitzer
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Philippe Durathon, 59, Restaurantbesitzer, geschieden, zwei Kinder, lebt in Castanet-Tolosan im Südwesten Frankreichs.

„Es gibt zu viele Steuern und die Kosten sind zu hoch. Ich kenne keinen einzigen reichen Restaurantbesitzer. Ich habe einige Investments getätigt und mich für weitere sieben Jahre verschuldet. Mein gesamtes Geld geht für Steuern und Arbeitskosten drauf. Als Chef zahle ich 80 Prozent zusätzlich zum normalen Lohn. Einige haben bereits aufgegeben. Sie haben zu viele Schulden aufgenommen, was sie letztendlich zur Strecke gebracht hat. Diejenigen, die sehr stark verschuldet sind, verkaufen ihren Besitz zu Spottpreisen, weil es sie ansonsten krank macht. Deshalb kann ich verstehen, warum Madame Fillon so viele Leute aufgeregt hat.“

Der Chirurg
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Anis Chouk, 44, Fußchirurg, verheiratet, zwei Kinder, lebt in Yvelines, einem Vorort von Paris.

„Es braucht eine grundlegende Reform des Gesundheitssystems, welche den Mangel an Ärzten mit finanziellen und qualitativen Verbesserungen bekämpft. Die medizinische Versorgung sollte neu bewertet werden und der private Sektor sollte dem öffentlichen Sektor angeglichen werden. Wir leiden unter einer Fülle von bürokratischen Hürden, welche uns viel Zeit kosten, die wir mit unseren Patienten und in Schulungen besser nutzen könnten. Außerdem sollte das System der Rückerstattungen verbessert werden, um es den Patienten leichter zu machen, Zugang zu medizinischer Versorgung zu bekommen. Es ist skandalös, dass die Rückerstattungen ausgesetzt wurden, obwohl die Patienten weiterhin die selben Beiträge zahlen – oder sogar mehr.“

Die Finanzberaterin
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Karine Bertil Hoareau, 39, selbständige Finanzberaterin, verheiratet, zwei Kinder, lebt im französischen Übersee-Department La Réunion, einer Insel im indischen Ozean.

„Nachdem ich fünf Jahre als Angestellte gearbeitet habe, bin ich das Risiko der Selbstständigkeit eingegangen. Ich hoffe, unser nächster Präsident wird genauso mutig sein. Er sollte das Ausmaß unserer Probleme erkennen und sich für langfristigen Lösungen einsetzen. Seit zu langer Zeit haben Politiker die Verbindung zur Realität verloren... (Viele Selbständige) fordern die Möglichkeit, ihre Versicherung nach ihren Wünschen zu wählen, so wie es auch die europäischen Regelungen vorsehen. In einem Land, das so gelähmt ist wie unseres, sollten kleine Unternehmen mehr Hilfe bekommen – denn sie schaffen Werte und Arbeitsplätze.“

Der Fließbandarbeiter
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Stephane Cuvilliers, 50, verheiratet, Fließbandarbeiter in einer Wäschetrocknerfabrik in Amiens, Nordfrankreich. Seine Fabrik soll im Juni 2018 geschlossen werden.

„Ich möchte, dass Jobs zurück nach Frankreich kommen, außerdem sollen Unternehmen, die ins Ausland abgewandert sind, um dort mehr Profit zu machen, ebenfalls zurückkehren. Sollten sie sich weigern, sollten ihre Geschäfte mit 25 bis 40 Prozent besteuert werden. Ich will einen Präsidenten wie Donald Trump. Einen, der unser Land als erstes beschützt, französische Arbeiter einstellt und ihnen vertraut. Europa und der Euro funktionieren nicht mehr. Ich erwarte vom neuen Präsidenten, dass er sich unserer Anliegen zuerst annimmt, und erst dann in die Probleme der Welt verwickelt wird. Erst wenn wir selbst ein „reines“ Land haben, können wir anderen Ländern helfen.“

Der Polizist
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David Leyraud, 43, Polizist, in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, zwei Kinder, lebt in Narbonne in Südfrankreich.

„Der nächste Präsident sollte zuerst die Sicherheit anpacken. Sicherheit ist die Basis unserer gemeinschaftlichen und individuellen Freiheiten. Außerdem verbessert sie die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Sicherheit stellt die Bedingungen für eine friedliche Gesellschaft her – ich hoffe, meine Verwandten, Freunde und Mitbürger können mir darin zustimmen. Sicherheit zu gewährleisten benötigt sowohl Ressourcen als auch politischen Willen. Polizisten müssen als Schlüsselfiguren die volle Unterstützung erhalten. Sicherheit sollte keine polarisierende Streitfrage, sondern im Gegenteil ein Stück unserer gemeinsamen Identität sein.“

Der Bergführer
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Frederic Jullien, 44, zwei Kinder, Bergführer, lebt in den französischen Alpen.

„Der nächste Präsident sollte eine grüne Revolution starten. Das nächste Staatsoberhaupt sollte ein Programm auf den Weg bringen, um den Energieverbrauch zu senken, erneuerbare Energien zu entwickeln und saubere Energien zu fördern. Saubere Energien haben in den vergangenen Jahren eine unbedeutende Stellung im Schatten des Diesel eingenommen, obwohl die Technologien existierten. Die Verschmutzung verlagert sich. In diesem Winter hat die Luftverschmutzung die Alpen, von Turin in Italien kommend, bis nach Frankreich überquert. Wir haben zudem Wasser- und Bodenverschmutzung. Ich möchte einen Präsidenten, der wirklich etwas verändern will, und nicht nur Mini-Reformen umsetzt. Der Präsident sollte außerdem Artikel 2 unserer Verfassung noch einmal genau lesen. Dieser besagt, dass die Regierung aus dem Volk, von dem Volk und für das Volk regiert – und nicht für finanzielle Interessen.“

Der Obdachlose
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Lorenzo Amblot, 37, Obdachloser, single, lebt in Reims im Nordosten Frankreichs.

„Finanzielle Unterstützung sollte für diejenigen gebündelt werden, die bereits kämpfen, anstatt allen helfen zu wollen. Es sollte ein spezielles System geben, um den Leuten am Rande der Gesellschaft zu helfen, sich wiedereinzugliedern – denn das Sozialgeld (staatliches Fördergeld für Arbeitslose, beginnend mit 535 Euro im Monat) reicht nicht aus. Alternativ könnte eine eigene Behörde gegründet werden, die sich darauf konzentriert, Hilfsbedürftigen Menschen zu helfen. Zudem sollte es einfacher werden, Zugang zu Unterkünften zu bekommen, damit wir einfacher eine Unterkunft mieten können, ohne dafür so viel Papierkram und Garantien aufwenden zu müssen.“

Sie nannte den Namen des mutmaßlichen Attentäters, eines 39-jährigen Franzosen, was die Sicherheitsbehörden bislang bewusst vermieden haben. Er soll eine „Fiche S“ der Nachrichtendienste gehabt haben, das ist ein Vermerk, den Personen erhalten, die aus den unterschiedlichsten Gründen als potenzielle Gefahr für die öffentliche Sicherheit gelten. Le Pen forderte die sofortige Ausweisung aller Ausländer mit einem solchen Vermerk, den Franzosen müsse der Prozess wegen „Zusammenarbeit mit dem Feind“ gemacht werden – ein Hohn auf den Rechtsstaat.

Die Front National-Chefin, deren Kampagne in den letzten Tagen zunehmend schlaff wirkte, versucht aus dem brutalen Mordanschlag politisches Kapital zu schlagen. Dabei ist ihre Wortwahl so grobschlächtig, dass der Versuch auch nach hinten losgehen könnte.

Ruhig, aber zugleich martialisch in der Sache, trat dagegen François Fillon auf. Der Konservative verschärfte seinen Tonfall, sprach von einer „eisernen Hand“, mit der er den „islamistischen Totalitarismus“ bekämpfen werde, dessen Ausmaß endlich voll erfasst werden müsse. Frankreich solle „moralisch und intellektuell aufrüsten“, benötige eine „moralische und intellektuelle Mauer“.  Seine Vorschläge laufen im Wesentlichen eine diplomatische Offensive gemeinsam mit Washington und Moskau, mehr politischen Druck auf die Golfstaaten und auf eine Verstärkung der Polizei und des Militärs und härteres Vorgehen gegen Salafisten und Hassprediger hinaus. Deren Organisationen sollen aufgelöst werden.

Grenzwertig ist Fillons Forderung, die als Sicherheitsrisiko geltenden Personen „in einem Rechtsrahmen in Haft zu nehmen oder unter Hausarrest zu stellen“. Ein bloßer Verdacht reicht in einem Rechtsstaat in der Regel nicht als Haftgrund. Außerdem wären tausende von Personen betroffen: Laut Aussage des Premierministers gibt es in Frankreich 20 000 „Fiches S“, davon sind rund die Hälfte radikale Islamisten.

Macron meldete sich am Freitagmittag als letzter zu Wort. Er werde den „Terror unnachgiebig bekämpfen“, innerhalb Frankreichs und außerhalb seiner Grenzen. Im Irak und in Syrien werde er „militärisch gegen die Auftraggeber der Terroristen vorgehen, die in Europa und in Frankreich zur Tat schreiten.“ Er wolle die Zusammenarbeit der Geheimdienste verbessern und deren Koordinierung in einer einzigen Stelle beim Präsidenten zusammenfassen. Die Auflösung der territorialen Geheimdienste im Inland in den vergangenen zehn Jahren sei ein Fehler gewesen, den er rückgängig machen wolle. Polizei und Militär müssten gestärkt werden.

Zugleich forderte er die Franzosen aber auch auf, „nicht der Angst, der Spaltung und der Einschüchterung nachzugeben“. Die Demokratie dürfe sich vom Terror nicht beeindrucken lassen, die Täter versuchten, das Zusammenleben und die Werte Frankreichs zu erschüttern. Der Kampf gegen den Terrorismus könne nur erfolgreich sein, wenn er europaweit geführt werde – eigentlich eine Binsenweisheit, die Fillon und Le Pen aber mit keinem Wort erwähnen, da sie auf den illusionären Schutz durch nationale Grenzen setzen.  

Wie sehr der Anschlag tatsächlich die Wahlentscheidung der Franzosen beeinflussen wird, ist noch völlig offen. Von Panik war Donnerstagnacht in Paris keine Spur, und am Freitag herrschte wieder das übliche geschäftige Treiben auf der Pariser Flaniermeile. So brutal das Attentat ist – man kann es in seiner psychologischen Wirkung nicht mit den Folgen der Massenmorde in den Cafés und im Musikklub „Bataclan“ vom November 2015 vergleichen.   

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11 Kommentare zu "Marine Le Pen: „Ich fordere den totalen Krieg“"

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  • Marine Le Pen: „Ich fordere den totalen Krieg“

    Den will der IS auch.

    Und damit tut Le Pen genau das, was der IS will: Die Stimmung "anheizen", um Unfrieden stiften und somit die Gesellschaft spalten zu können.

    Beide aus reinem menschenverachtenden Machtkalkül.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Moment mal! "Die tausendjährige Seele unseres Volkes muss erwachen!" - welches Volk meint die damit? Das sind doch eigentlich wir! Unser Volk, das deutsche Volk, muss endlich erwachen! Auch die Sache mit dem totalen Krieg ist eigentlich eine deutsche Veranstaltung! Kriegen wir mindesten Copy-Right-Gebühren für diese schamlose Nachmacherei?


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  • Scheint alles nicht zu nutzen, die Gäste sind im Vorteil.
    In Frankreich gilt derzeit ein landesweiter Ausnahmezustand bis zum 15. Juli 2017[4]. Nur Stunden vor dem Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 war verkündet worden, dass der Ausnahmezustand, der am 26. Juli ausgelaufen wäre, nicht mehr verlängert werden solle.[5] Infolge der Geschehnisse in Südfrankreich wurde er stattdessen am 20. Juli um sechs Monate bis Ende Januar 2017 verlängert,[6] sowie zuletzt Mitte Dezember 2016 bis zum 15. Juli 2017.[7]

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Herr Hofmann, haben Sie als AfD Propagandist eigentlich keine Freunde, keine Arbeit und keine Hobbys oder warum kommentieren Sie alles den lieben langen Tag? Mögen Sie sich selbst lesen? Hier gibt es keine Likes...😜

  • Preisfrage für Herrn Hofmann: Wer hat denn den überhaupt erst geschaffen, durch seine opportunistische Außenpolitik?

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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