Marode US-Infrastruktur

Die verfallenden Staaten von Amerika

Die USA mahnen Deutschland, mehr in die Infrastruktur zu investieren. Doch für die eigenen maroden Straßen, wackelnden Brücken und leckenden Wasserleitungen in Amerika fehlen Hunderte Milliarden. Start einer neuen Serie.
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Die maroden Stahlträger gaben nach: Teile der Skagit-Brücke im US-Bundesstaat Washington stürzten im Mai 2013 ein. Mehrere Autos wurden in die Tiefe gerissen. Quelle: dpa

Die maroden Stahlträger gaben nach: Teile der Skagit-Brücke im US-Bundesstaat Washington stürzten im Mai 2013 ein. Mehrere Autos wurden in die Tiefe gerissen.

(Foto: dpa)

San FranciscoAlle zwei Minuten platzt irgendwo in den USA eine verrottete Hauptwasserleitung. Hypermoderne Elektroautos aus Kalifornien rumpeln über Autobahnen wie Waschbretter. Umspannanlagen, die schon vor 50 Jahren veraltet waren, halten die Energieversorgung am Laufen. Die Infrastruktur in der Internet-Nation Nummer eins der Welt ist in weiten Teilen überaltert, schlecht gewartet oder unzureichend.

Jahrzehntelange Vernachlässigung und politischer Streit über die Finanzierung kulminieren in gefährlichen Situationen. Sie kosten im besten Fall Billionen Dollar an Bruttosozialprodukt – im schlimmsten Falle kosten sie Leben. Unser Autor reist durch Amerikas Hinterland – Auftakt der Serie „Amerika zerbröselt“.

Es sind beängstigende Bilder wie der Einsturz der riesigen Skagit-River-Brücke im Bundesstaat Washington in 2013, die die Bürger immer wieder an die alltäglichen Gefahren vor ihrer Haustüre erinnern. Ein Lastwagen hatte einen Brückenträger gerammt, was ausreichte, einen Teil der Konstruktion komplett zum Einsturz zu bringen. Zum Glück gab es nur drei Verletzte.

Es war der zweite Einsturz einer großen Brücke seit 2007, als im Minnesota eine Autobahnbrücke über den Mississippi kollabierte. Strukturell wichtige Stahlkomponenten hatten nachgegeben. 13 Menschen starben, 145 wurden verletzt, als die gesamte Konstruktion in wenigen Sekunden zusammenbrach und sie mit ihren Autos in den Fluss stürzten.

In einem Land, in dem Privatvillen für 195 Millionen Dollar in Beverly Hills zum Verkauf stehen, fehlt das Geld, um Gasleitungen zu flicken. Im September 2010 verwandelte eine explodierende Gasleitung San Bruno, einen Vorort von San Francisco, in eine brennende Apokalypse. Die nachfolgenden Untersuchungen offenbarten gravierende Sicherheitsmängel in weiten Teilen der überalternden Gasversorgung. In einem Gewaltakt stellte der Energielieferant PG&E in den kommenden Jahren wenigstens die Sicherheit wieder her.

Einsturzgefährdete Brücken, löchrige Straßen, zerberstende Wasserrohre, Gasexplosionen: Es sind Horrormeldungen, die die täglichen Nachrichten im US-Fernsehen beherrschen. Die Versäumnisse sind gigantisch. Die Vereinigung der Ingenieure in den USA, die ASCE, schätzt den aufgelaufenen Wartungs- und Investitionsstau bis 2020 auf 3,6 Billionen Dollar. Sie gibt alle vier Jahre eine detaillierte Generalübersicht über die 16 großen Infrastrukturbereiche der USA heraus. Es gibt Noten nach dem Schulsystem in den USA von A (eins) bis F (sechs). Die Lebensadern, die die USA am Laufen halten kommen gerade mal auf ein „D+“. Für jedes Schulkind wäre das eine Katastrophe.

Das Land, das Deutschland gerne vorwirft, zu wenig in die Infrastruktur zu investieren und so die Wirtschaft zu ruinieren, schiebt selbst eine gigantische Altlast vor sich her. Rund zwei Billionen sind laut ASCE lediglich bis 2020 in den Haushaltsplänen für Infrastruktur-Investitionen vorgesehen, der Rest steckt fest im ewigen politischen Ringen um die Finanzierbarkeit. Vor allem die republikanische Partei verweigert sich jeglichen Steuererhöhungen, um den Zerfall Amerikas aufzuhalten.

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34 Kommentare zu "Marode US-Infrastruktur : Die verfallenden Staaten von Amerika"

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  • Warum mit den Finger auf andere Länder zeigen? Viel besser ist es in Deutschland auch nicht.

    Das Handelsblatt prangert zwar zu Recht die marode Infrastruktur in den USA an. Diese wurde seit langer Zeit wegen der Ideologie des schlanken Staates vernachlässigt.

    Und es ist nicht zu übersehen, dass die amerikanische Infrastruktur reparaturbedürftiger ist, als die deutsche.

    Doch die Häme ist diesbezüglich fehl am Platz, denn die Mahnungen an Deutschland, endlich mehr in die Infrastruktur zu investieren, zielen weniger auf die Verbesserung des Zustands der Infrastruktur, als darauf, dass die deutsche Regierung überhaupt Geld ausgibt, um die fehlende Privatnachfrage zu ersetzen, also den destruktiven Austeritätsdogma endlich zu beenden, damit die desolate Wirtschaft in Europa wieder die Chance bekommt, sich zu erholen.

    Die USA investieren zwar ebenfalls zu weinig in Infrastruktur, aber darauf hinzuweisen ändert nichts daran, dass die deutsche Weigerung, mehr öffentliche Investitionen zu tätigen, Europa erheblich belastet. Quelle NDS

  • AUCH IN DEUTSCHLAND VERFÄLLT ALLES.

    Nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in Deutschland verfällt die Infrastruktur - oder besser gesagt, sie wird verfallen gelassen von unseren "Freunden" von SPD,CDU,Grüne,Linkspartei, die die Macht im Lande unter sich aufgeteilt haben.

    Diese Parteien runieren dieses Land, systematisch und unaufhaltsam.

  • Warum weigert sich unsere Frau Merkel die Warnungen ernst zu nehmen?

  • Hoffentlich werden in kommenden Berichten dieser Serie auch Themen wie
    - "reale" Arbeitslosen und Beschäftigungszahlen (Minijobs)
    - Armut / Obdachlosigkeit
    - Fakten zu Goldreserven anderer Staaten (Hütchenspieler-Trickserei) bei der FED
    - Fakten zu Fracking(blase) und Folgen
    - Kriegstreiberei
    und und und beleuchtet...

  • Ein Bekannter von mir kam in seinem Leben viel rum. U.a. arbeitete er jeweils diverse Jahre in Indien und in den USA. Seine Meinung in Kurzfassung: Auf dem flachen Land ist die Infrastruktur in beiden Ländern vergleichbar und auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Als Ingenieur kann er das durchaus beurteilen.

    Die Folgen sieht man auch bei uns: Unterbrechungsfreie Stromversorgungen für PCs gibt es auch bei uns für weit unter 100 EUR, obwohl sie kaum jemand kauft oder vermisst.

    Das eigentliche Geschäft machen die Hersteller ganz wesentlich in den USA, denn außerhalb der großen Siedlungszentren kann man ohne so ein Ding keinen PC stabil betrieben: Die Netzspannung schwankt im Lauf des Tages leicht mal zwischen 80 und 140 V, Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Selbst in Neuengland kann ein ernsthafter Schneesturm die Stromversorgung großräumig und für Tage bis Wochen unterbrechen. Typische Nothilfe: Auto im Leerlauf durchlaufen lassen und mit einem Spannungswandler 12 V -> 110 V die wichtigsten Geräte im Haus weiter betreiben.

    Aber das stört da anscheinend niemanden, wie auch Pappdeckelhäuser in Tornadoregionen. Da bläst es auch kaum mehr als in bestimmten Alpentälern bei Fönsturm. Bloß bleiben die entsprechend konstruierten Hütten bei uns leicht 100 Jahre stehen, während in den USA alle paar Jahre nur Bodenplatte und Kamin übrig bleiben.

  • ...und die lösung ihrer eigenen wirtschaftlichen probleme.

  • [...]
    Welchen Modus sollen wir wählen.
    ...es könte ja sein, dass...
    [...]



    Wenn die USA das Leitbild des westlichen Kapitalismus geprägt haben soll, warum ist die Infrastruktur dann so ... ich weiß nicht, vielleicht trifft es ja "marode". Wer wird immer wieder angeführt, der Liberalismus? Hm. Aber wie ist dann der Aufschwung in den östlichen Bundesländern zu erklären, oder eben nur der Aufschwung, den Berlin erlebt hat.

    Umverteilung. Okay. Ich weiß, das war einfach.


    Was müssen wir tun, um Deutschland vor einem sich vertiefenden Inffastrukturzerfall zu bewahren, dem sogenannten Investitionsstau? Das wird schwer zu beantworten sein. Ich werfe eine Antwort in den Ring: Umverteilung.

    Wir brauchen übrigens recht schnell mehrere weitere Antworten. Denn je länger die Diskussion, Debatte oder von mir aus auch "Diskurs" andauert, desto "verspäteter" werden Infrastrukturzerfall gestoppt und Investitionsstau aufgelöst.

    Was sagt man eigentlich bei Volkswagen zum Thema "Mißmanagement"? Die kennen sich doch damit aus. Oder hat man bei Volkswagen aufgehört, die Fehler Toyotas zu analysieren.

  • Ich denke das lohnt noch nicht, die Zeichen stehen auf Krieg und danach wird erst wieder mit einer "strahlenden" Zukunft aufgebaut. Vorher wäre es doch nur Verschwendung.

  • Die FED könnte doch aushelfen, eine Billion Dollar mehr oder weniger drucken darauf kommt es nun wirklich nicht mehr an. Oder wird die Baumwolle und die grüne Farbe knapp?!
    Mit eintausend Mrd. Dollar könnte man doch viel Infrastruktur auf den neuesten Stand bringen.

  • Jo, diese ganzen überflüssigen und zerbröselnden leerstehenden shopping-mails sind eh überflüssig, kommt alles per internet und amazon.

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