Marokkos blühendes Geschäft mit „grünem Gold“
Ein Joint zum Frühstück?

Vor einem Jahr hat der König von Marokko den Produzenten von Haschisch den Kampf angesagt – nach erheblichem internationalem Druck. Aber immer noch deckt Marokko 40 Prozent des Welt-Haschischmarkts ab. Warum alle Anti-Drogenbemühungen in dem nordafrikanischen Land erfolglos sind.

CHAOUEN. Die Episode spielt an einer Tankstelle im nordmarokkanischen Rif-Gebirge, kurz vor dem Örtchen Ketama. Ein junges Paar aus Spanien fährt mit einem alten roten Peugeot mit Madrider Kennzeichen vor und stellt sich betont unauffällig an die Zapfsäule. Die Beifahrerin kramt nervös in ihrer Tasche und holt ein großes Paket heraus. Der Fahrer reiß es ihr aus der Hand, steigt aus, geht rasch ins Café der Tankstelle, gibt die Ware beim Besitzer ab und stopft die Geldscheine in die Tasche. Abfahrt.

Etwas unauffälliger ist es geworden, das Geschäft mit dem Haschisch in Marokko. Bis vor kurzem wurde König Mohammed VI noch selbst verdächtigt, beim Drogenhandel mitzuverdienen. Vor einem Jahr hat Seine Hoheit den Produzenten und Dealern den Kampf angesagt – nach erheblichem internationalem Druck. Aber immer noch deckt das muslimische Land im Norden Afrikas gemäß den Angaben der internationalen Drogenkontrollbehörde (INCB) 40 Prozent des Welt-Haschischmarkts ab.

Und hier in der wilden Schönheit des Rif-Gebirges liegt das Hauptanbaugebiet Marokkos. Versteckt werden die Cannabis-Plantagen zwischen Maisfeldern. Die im Rif-Gebirge lebenden Berber geben vor, keine andere Wahl zu haben. Sie haben weder eine Lobby im Land, noch investiert Marokkos Regierung nennenswert in ihrer Region.

Aber der Druck auf ihr angestammtes Geschäft mit dem Haschisch wächst. Spanien, die internationalen Drogenbehörden und auch die EU haben den König in den vergangenen Monaten eindringlich zu mehr Einsatz aufgefordert. Und weil Marokko das für 2010 vorgesehene Freihandelsabkommen mit der EU nicht gefährden will, kooperiert das Land inzwischen beim Kampf gegen den Drogenhandel besser.

Der König stellte mehr Polizei ins Rif ab, und er ließ in den vergangenen Monaten viele Cannabisfelder zerstören – bei nur einer Säuberungsaktion im Sommer in Taounate nordöstlich von Fés allein 1 000 Hektar.

Nach Studien der Antidrogenabteilung der Uno (UNODC) werden im Rif derzeit 125 000 Hektar Cannabis angebaut. „Das sind schon zehn Prozent weniger als im Jahr 2004“, sagt Driss Benhima, Delegierter der staatlichen Entwicklungsagentur im Norden des Landes. Dennoch: Von den fünf Millionen Einwohnern im Rif leben immer noch 800 000 ausschließlich vom Handel mit Hasch.

Denn nur sehr wenige Berufe im armen Marokko werfen so viel Geld ab wie das Drogengeschäft, und auch EU-Umschulungsprojekte für Cannabis-Bauern haben kaum Erfolg. Werden Felder von der Polizei zerstört, bekommen die Bauern Nutztiere und Obstbäume, die die illegale Einnahmequelle ersetzen sollen. „Doch mit klassischer Landwirtschaft lässt sich angesichts der europäischen Billigprodukte kaum etwas verdienen“, klagt ein Cannabis-Anbauer. So konterkariert die Agrarpolitik der EU ihre Antidrogenpolitik.

Das Entwicklungsland Marokko wäre noch viel ärmer, gäbe es den Haschischhandel nicht – und auch die illegale Einwanderung nach Spanien wäre wohl noch größer. Haschisch bringt Marokko nach Angaben des Innenministeriums fast elf Milliarden Euro jährlich ein. Schon längst ist es kein rein marokkanisches Geschäft mehr, auch Spanier mischen mit.

Seite 1:

Ein Joint zum Frühstück?

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%