Martin Schulz
Genosse Menschenfänger

Mit der Entscheidung, Martin Schulz die Kanzlerkandidatur zu überlassen, hat Sigmar Gabriel viele überrumpelt. Wie kommt die Personalie bei denjenigen an, die sie auf der Straße verkaufen müssen? Ein Besuch an der Basis.
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DüsseldorfAls der Vorsitzende der SPD-Friedrichstadt in Düsseldorf die Genossin Zelal Kaya fragt, ob es bei ihrer Kandidatur bleibt, erstirbt im Raum die Diskussion. Für ein paar Sekunden schießen allen dieselben Assoziationen durch die Köpfe: „Kandidatur, Martin Schulz, Kanzlerkandidatur, Zelal Kaya?!“. Dann setzt das Denken ein und Gelächter vertreibt die Stille. „Das wäre ja die nächste Sensation. Statt Martin Schulz tritt unsere Zelal gegen Merkel an“.

Auch die 27-Jährige muss schmunzeln, denn sie soll lediglich für den Posten als Vorstands-Beisitzerin beim Ortsverband kandidieren. Weil die Machtübergabe zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz die Gemüter bewegt und die Vorstandssitzung dominiert, sind die versammelten Sozialdemokraten beim Schlagwort „Kandidatur“ kurz perplex.

Wie sie, glaubten bis vergangenen Dienstag die meisten Menschen in Deutschland, Sigmar Gabriel werde als SPD-Kandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern. Nun ist alles anders. Sigmar Gabriel ist Außenminister. Er hat den Parteivorsitz und seine Kanzlerambitionen an den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz abgeben, einen Mann ohne bundespolitische Erfahrung. Eine Entscheidung, die manch Kommentator als Rücktrittsgesuch einer ganzen Partei wertet. Die SPD-Basis, wie im Düsseldorfer Stadtteil Friedrichstadt, feiert sie.

Fabrice Witzke, der Chef des Ortsvereins, hat die Genossen zur Vorstandssitzung in seine Altbauwohnung geladen. Er bringt Tacos, Chips, Bionade und Radler aus der Küche. Die Genossen, ein paar ältere, viele junge, sitzen um den Wohnzimmertisch und erzählen, warum sie die Kandidatur von Schulz befürworten. Sie sind diejenigen, die auf der Straße für die SPD werben, die Flyer verteilen, Wechselwähler überzeugen. Immer wieder hörten sie: „Euer Programm ist okay, aber den Gabriel können wir nicht wählen, der ist so unsympathisch“. Die Leute schimpften, dämonisierten, projizierten alles Schlechte auf ihn, sagt Witzke. Die einen warfen ihm Wankelmut bei der Vorratsdatenspeicherung vor, die nächsten verfluchten ihn für Gerhard Schröders Hartz-Reformen.

Martin Schulz hingegen, „das ist ein echter Sympathieträger, ein Menschenfänger. Für ihn kann man gut auf die Straße gehen. Mit dem haben wir eine echte Chance“, sagt ein anderes Vorstandsmitglied, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Der Studentin Zelal Kaya imponiert, wie Schulz den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurechtwies, als der im Zuge der Armenienresolution des Bundestages türkische Abgeordnete attackierte. „Schulz ist kein Möchtegern-, sondern ein richtiger Demokrat“, sagt die junge Frau.

Martin Schulz fliegen die Herzen in Witzkes Wohnzimmer zu. Doch nicht nur dort. 41 Prozent der deutschen Wähler würden aus dem Stand für den leidenschaftlichen Europäer stimmen, ebenso viele wie für Angela Merkel. Zu dem Ergebnis gelangt eine aktuelle ARD-Umfrage, die das Institut Infratest dimap durchführte. Das mag auch daran liegen, dass niemand so recht weiß, wofür Schulz steht, außer für ein starkes Europa. Er eignet sich so bestens als Projektionsfläche für alle möglichen Sehnsüchte und positiven Zuschreibungen. Die Antithese zu Sigmar Gabriel.

Kommentare zu " Martin Schulz: Genosse Menschenfänger"

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  • Hallo liebe Redaktion,
    bitte löschen Sie den Beitrag von Thomas Maidan. Er beleidigt den Präsidenten der USA indem er ihn einen Horrorclown nennt.

  • @Clemens Keil ("Frau Will's merkwürdigen, teilweise provozierenden Fragen, mit denen sie offensichtlich Schwachstellen von Schulz offenlegen wollte.")
    Da kann man sagen: Keine Antwort von Schulz ist auch eine Antwort, was der aufgeweckte Zuschauer beim Schweigen von Schulz sehr leicht deuten kann. Der Europa-Kanzlerkandidat hat keine einzige Frage von Anne Will beantwortet. Alles was ihm über die Lippen kam, war immer wieder, dass er Europa durchsetzen will. Deutschland scheint für diesen Apparatschik schon gar nicht mehr zu existieren.

  • Ich kaufe nur noch dunkle Teddy-Bären,

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