Martti Ahtisaari
„In der Krise brauchen sich alle gegenseitig“

Die Globalisierung hat internationale Kriege unwahrscheinlicher gemacht. Trotzdem gibt es weltweit noch etliche Konfliktherde, die den globalen Frieden bedrohen. Im Handelsblatt-Interview spricht Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari über Handel als Konfliktlösung und eine neue Politik in Zentralasien.

Handelsblatt: Wir befinden uns inmitten einer weltweiten Wirtschaftskrise. Wird sie Ihrer Meinung nach wie in früheren Zeiten in Kriege umschlagen?

Ahtisaari: Nein. Vor allem in der Europäischen Union hat die Finanzkrise zu noch mehr Kooperation geführt. Nie zuvor haben die EU-Staaten so eng zusammengearbeitet wie in der jetzigen Krise.

Aber können durch die Krise nicht massiv bedrängte Staatsführer etwa in Afrika ihre inneren Probleme in Militärkonflikte mit Nachbarländern umlenken?

Ich glaube, dass die Gefahr neuer Kriege zwischen Staaten deutlich zurückgegangen ist. Denn diese Krise zeigt, dass wir uns alle gegenseitig brauchen: Die Chinesen brauchen unseren und den US-Markt, Amerika braucht Chinas Geld und wir Europäer würden uns auch über mehr chinesische Investitionen freuen. Die Russen brauchen ausländische Investoren, westliche Technologien und Management-Know-how, um ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Es eröffnen sich viel mehr Chancen zur Kooperation. Die einzige Frage ist doch: Haben wir genug Vorstellungskraft, um neue Wege einzuschlagen, oder sind wir gefangen im alten Denken? So ist zum Beispiel Russlands Tonlage heute viel weicher als noch vor zwei Jahren.

Wirklich? Russland spricht doch inzwischen wieder offen von seinen Einflusssphären.

Ja, aber außer der falschen Anerkennung Abchasiens und Nord-Ossetiens durch die Russen ist ja nicht viel passiert. Russland wird von niemandem bedroht und bedroht niemanden. Und Moskau weiß, dass es in der Finanzkrise sein Geld für viel wichtigere Dinge ausgeben muss als für sein Militär. Der Kreml hat doch klar begriffen, dass wir in der Krise viel enger zusammenrücken und kooperieren müssen. Das müssen wir nutzen zum Aufbau neuer Partnerschaften – mit Russland und auch mit China, das ja nicht in Afrika als Unterstützer von Massenmorden in scheiternden Staaten wie Sudan angesehen werden will.

Wenn über „gescheiterte Staaten“ gesprochen wird, werden immer auch Afghanistan und Pakistan genannt. Sehen Sie dort Chancen für eine friedliche Lösung?

Ehrlich gesagt, muss dazu wohl erst der Nahostkonflikt – die Israel-Palästina-Krise – gelöst werden. Das muss die höchste Priorität auch für den neuen US-Präsidenten Obama sein. Außerdem wird man leider alle Probleme parallel anpacken müssen: Afghanistan und Pakistan, das Verhältnis von Iran und Irak, Syriens Beziehungen zu Israel und eben den israelisch-palästinensischen Konflikt. Anders wird es nichts werden. Außerdem haben wir lange gebraucht, um zu verstehen, dass das Afghanistan-Problem nicht militärisch gelöst werden kann. Und vor allem habe ich in meinem langen politischen Leben gelernt, dass man mit allen reden muss. Vor allem mit denen, die durch Wahlen an die Macht gekommen sind, wie die palästinensische Hamas.

Seite 1:

„In der Krise brauchen sich alle gegenseitig“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%