Massaker in Libyen: Militär-Aktionen gegen Gaddafi werden wahrscheinlicher

Massaker in Libyen
Militär-Aktionen gegen Gaddafi werden wahrscheinlicher

Die Rebellen rücken auf Tripolis vor, die USA gruppieren ihre Streitkräfte vor Libyen um, Pläne für eine Flugverbotszone laufen auf Hochtouren: Die militärischen Optionen gegen Gaddafi nehmen Gestalt an.
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Tripolis/Washington/LondonDer Aufstand gegen den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi nähert sich der Hauptstadt Tripolis. In der Hafenstadt Misrata, rund 200 Kilometer östlich des Regierungssitzes, schossen Rebellen nach Angaben eines Zeugen am Montag ein Kampfflugzeug ab. Auch in Sawija, nur 50 Kilometer westlich der Hauptstadt, bereiteten sich Rebellen darauf vor, den von Gaddafi-loyalen Soldaten eingekreisten Ort zu verteidigen.

Die USA begannen mit der Umgruppierung ihrer Luft- und Seestreitkräfte vor dem nordafrikanischen Land. Damit wollten sich die USA Optionen offenhalten und flexibel reagieren können, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Schon am Sonntag verlautete es aus dem Weißen Haus, selbst militärische Optionen seien kein Tabu mehr. "Ich würde nicht sagen, dass wir irgendetwas ausschließen", sagte ein hoher Regierungsmann der "New York Times".

In Genf berieten Vertreter wichtiger Militärmächte Sanktionen gegen die Regierung von Gaddafi - nach den USA und den Vereinten Nationen beschloss nun auch die Europäische Union Strafmaßnahmen und verhängte ein Waffenembargo gegen Libyen sowie ein Einreiseverbot für Regierungsmitglieder. Die Vermögenswerte von insgesamt 26 Personen wurden eingefroren.

Auch eine Flugverbotszone ist im Gespräch, um Demonstranten vor Angriffen aus der Luft zu schützen. Großbritanniens Premierminister David Cameron deutete Unterstützung für den Plan an: Es liefen bereits Beratungen mit den Verbündeten dazu. Auch Cameron verschärfte die Rhetorik gegen Gaddafi: Der Premier sagte britischen Parlamentsabgeordneten, dass er "in keiner Weise" die Anwendung militärischer Gewalt ausschließe.

US-Außenministerin Hillary Clinton warf Gaddafi vor, Söldner und Schläger gegen friedliche Demonstranten eingesetzt zu haben und verlangte seinen Rücktritt. In einem seltenen Aufruf eines arabischen Landes an Gaddafi forderte das Emirat Katar seinen Rückzug. "Es ist nicht zu spät für eine mutige Entscheidung", sagte Ministerpräsident Scheich Hamad bin Dschassim al-Thani dem Sender Al-Dschasira.

In Libyen gehen die Kämpfe unterdessen weiter: In Misrata, der drittgrößten Stadt des Landes, lieferten sich Rebellen und Gaddafi-Truppen Gefechte um den Militärflughafen. Die Aufständischen hielten einen großen Teil des Geländes besetzt, berichtete ein Augenzeuge. Das Munitionsdepot sei in ihrer Hand. Ein Kampfflug, das den örtlichen Radio-Sender unter Feuer genommen habe, sei abgeschossen worden, seine Besatzung in Hand der Rebellen.

In Sawija, dem Standort einer bedeutenden Raffinerie, erwarteten Aufständische den Angriff von rund 2000 Gaddafi-Anhängern. "Wir werden unser Bestes geben, um sie zurückzuschlagen", sagte ein ehemaliger Polizeimajor, der auf die Seite der Rebellen gewechselt war. Auch in Tripolis organisierte sich der Protest. Gaddafi-Gegner errichteten in einzelnen Stadtteilen Barrikaden. Anhänger des Machthabers versuchten die Protestler mit Schüssen in die Luft zu verscheuchen.

In den von Aufständischen kontrollierten östlichen Landesteilen zeichneten sich nach dem Abflauen der Kämpfe Versorgungsprobleme ab. Innerhalb von drei Wochen könnten Lebensmittel und Medikamente knapp werden, sagte der libysche Helfer Chalifa el-Faituri unter Berufung auf Ärzte und Krankenschwestern. Frankreich kündigte Hilfslieferungen an. Am Montag sollten zwei Flugzeuge mit Ärzten, Krankenschwestern, und medizinischen Hilfsmitteln nach Benghasi fliegen.

Auch die Regierung Gaddafis will nach eigenen Angaben helfen. Ein Abgesandter werde nach Benghasi mit Medikamenten, Nahrungsmitteln und medizinischer Ausrüstung reisen, sagte ein Regierungsmitarbeiter. Offenbar suchte Gaddafi den Kontakt zu den Rebellen im Osten des Landes. Er habe den Chef des Auslandsgeheimdienstes damit beauftragt, mit den Führern in den östlichen Regionen zu sprechen, berichtet der Sender Al Dschasira. Allerdings hatten Rebellen in Benghasi schon am Sonntag erklärt, mit Gaddafi werde nicht verhandelt. Gaddafi selbst hat bislang jeden freiwilligen Verzicht auf seine Macht abgelehnt.

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