Massenproteste
Brasilien senkt die Fahrpreise wieder

Preiserhöhungen für den Nahverkehr haben in Brasilien zu Protesten geführt, die auch Fußballer unterstützten. Nun lenken die Städte ein, doch die Wut Demonstranten findet weitere Ziele - zum Beispiel die Fußball-WM.
  • 7

Sao PauloNach tagelangen Massenprotesten haben Brasiliens Demonstranten eines ihres wichtigsten Ziele erreicht. Landesweit wurden Fahrpreiserhöhung für Busse und U-Bahnen zurückgenommen. In São Paulo feierten die Demonstranten die Nachricht. In Niteroi bei Rio de Janeiro gingen die Demonstrationen in der Nacht zum Donnerstag weiter. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei.

In São Paulo verkündeten Gouverneur Geraldo Alckmin und der Bürgermeister der Elf-Millionen-Metropole, Fernando Haddad, am Mittwochabend die Preisrücknahme. Beide Politiker sprachen von einem „großen Opfer“ und machten klar, dass die Einnahmeausfälle an anderer Stelle eingespart werden müssten.

Busse und Bahnen sind für Millionen Brasilianer die einzige Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen. Die Tarife waren in São Paulo von 3,00 auf 3,20 Reais (1,10 Euro) angehoben worden, was mit notwendigen Investitionen begründet wurde. Dies wird nun rückgängig gemacht.

Auch in Rio kündigte Bürgermeister Eduardo Paes die Rücknahme der Tariferhöhung von 2,75 auf 2,95 Reais an. Den gleichen Schritt hatten in der vergangenen Tagen bereits sieben andere Städte verkündet.

Die Hoffnung der Stadtverwaltungen, dass die brasilianische Bundesregierung ihnen dabei mit finanziellen Entlastungen entgegenkommen würde, zerschlug sich allerdings. Finanzminister Guido Mantega erklärte, der Staat sehe sich nicht in der Lage, die Steuern auf Leistungen des öffentlichen Nahverkehrs zu reduzieren.

Doch inzwischen haben sich die Proteste weit über eine Unmutsbekundung über höhere Fahrpreise zu einem Aufschrei gegen hohe Steuerlast, hohe Kriminalität, soziale Ungleichheit und Korruption im politischen System Brasiliens ausgeweitet. In vielen Städten sind seit Montag Hunderttausende auf den Straßen, um auch gegen Milliardenausgaben für die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr zu demonstrieren, während Schulen und Krankenhäuser in einem schlechten Zustand sind.

Nach einem langen wirtschaftlichen Aufschwung in Brasilien wächst die Unzufriedenheit mit der Regierung. Viele Brasilianer sind besorgt, weil die Wirtschaft nicht mehr so stark wächst wie gewohnt und die Preise trotzdem spürbar steigen. So rechnet der Internationale Währungsfonds für dieses Jahr mit einem BIP-Wachstum von drei Prozent und einer Inflationsrate von rund sechs Prozent. Auch die steigende Kriminalität sorgt für Unmut.

Die Proteste fallen mit dem Confederations Cup zusammen. Vor dem Fußballspiel zwischen Brasilien und Mexiko beim kam es am Mittwoch in Fortaleza zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und rund 15.000 Demonstranten.

Für Rio kündigten mehrere Gruppen Demonstrationen an, wenn am Donnerstag im Maracanã-Stadion das Spiel Spanien-Tahiti ausgetragen wird. FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke rechnet mit einer Million Demonstranten. Dies sagte der Franzose am Rande der Confed-Cup- Begegnung zwischen Gastgeber Brasilien und Mexiko in Fortaleza der Nachrichtenagentur dpa. „Wir können nichts tun“, sagte Valcke. „Das ist eine unangenehme Situation für alle Beteiligten. Niemand ist damit glücklich.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Massenproteste: Brasilien senkt die Fahrpreise wieder"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Mensch Mike22, bist Du naiv. Wenn Du wirklich einen anständig recherchierten, investigativen Bericht über die wirklichen Hintergründe der sog. Randale oder wie ich es schreiben würde, berechtigten Demonstrationen ohne Gewalt lesen möchtest dann muss der Journalist nicht nur um sein Leben fürchten, sondern muss so viele Leute bestechen, um an Informationen zu kommen, dass keine Redaktion (kein Verlag)dieser Welt das bezahlen möchte.

  • Ich schätze mal in Brasilien erleben wir gerade die Antwort der Masse auf Kapitalismus pur. Während sich diejenigen an Schaltstellen von Macht und Finanzwelt über alle Maßen an ins und im Land fließende(n) Gelder(n) bereichern - z.B. für die WM-Bauten, oder auch an Grund und Boden, an der Natur, in der Rohstoff- und Agrarindustrie, etc. - müssen die kleinen Leute die Zeche zahlen. "Kein Geld da" heißt es, einmal mehr. Der Grad an Korruption dürfte Resultat der letzten "Wachstumsjahre" sein, in denen schätzungsweise vor allem Dollars über Brasilien schwappten und alles korrumpierten, was eine Chance selbst auf "Kuchenkrümel" sah. Ich möchte zu gerne mal einen anständig recherchierten, investigativen Bericht über die wirklichen Hintergründe der sog. "Randale" lesen.

  • Ich sage schon seit Jahren wie viele Freidenker,dass das Grundübel unser altes Schuldgeldsystem ist.Es sind alles Auswirkungen dieses Luftgeldsystems mit ihren nicht mitkreierten exponentiellen Zinsen,die uns als Mensch oder Staat knechten!!!Solange wir nicht endlich dieses System in Frage stellen und dann natürlich ändern solange können wir noch so tolle Ideale umsetzen wollen und werden daran scheitern!!!Die Hochfinanzelite weiß das genau und wird alles tun um uns abzulenken mit Billigmedien ,Schwarz und Weiß denken und Angst schüren.Es liegt an uns,wir sind viele und sie ganz wenige!!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%