Massenproteste in Ukraine
Demonstranten köpfen Lenin-Statue

Bei den Massenprotesten in Kiew haben Demonstranten eine Granitstatue von Revolutionsführer Lenin gestürzt und enthauptet. Tausende Oppositionelle blockieren zudem wichtige Regierungsgebäude. Im Westen wächst die Sorge.
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KiewDie ukrainische Opposition hat ihre Proteste am Sonntag noch einmal dramatisch ausgeweitet. Hunderttausende demonstrierten in Kiew gegen Präsident Viktor Janukowitsch. In einer symbolisch aufgeladenen Aktion stürzten einige von ihnen mit Drahtseilen und Metallstangen ein Lenin-Denkmal im Stadtzentrum. Danach zertrümmerten sie das Denkmal mit Hämmern und köpften das Denkmal des einstigen Revolutionsführers. Die Täter hätten die Flagge der nationalistischen Freiheitspartei (Swoboda) geschwenkt und Leuchtgeschosse abgefeuert. Für ukrainische Nationalisten ist Lenin als Begründer der Sowjetunion eine Hassfigur.

Bei Einbruch der Dunkelheit blockierten Tausende Demonstranten wichtige Regierungsgebäude mit Autos und Barrikaden. Die Regierung hatte zuvor ihrerseits die Lage angefacht: Der Sicherheitsdienst der Ukraine teilte mit, dass gegen führende Köpfe der Opposition wegen Umsturzplänen ermittelt werde. Wer genau davon betroffen ist, war unklar. Tatsächlich fordert die Opposition inzwischen, dass Janukowitsch und die Regierung ihre Ämter abgeben und Neuwahlen angesetzt werden. Auch bei der Massendemonstration auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan skandierte die Menge „Rücktritt!“ und „Stürzt die Bande!“.

Der Boxer und Oppositionspolitiker Vitali Klitschko sagte: „Nach diesen Ereignissen bin ich sicher, dass die Diktatur in diesem Land nicht überleben kann.“ Er fügte hinzu: „Die Menschen werden es nicht tolerieren, wenn sie geschlagen werden, wenn ihnen der Mund verboten wird, wenn ihre Prinzipien und Werte ignoriert werden.“

Im Westen wächst inzwischen die Sorge, dass die Proteste kippen könnten. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso telefonierte mit Janukowitsch und mahnte eine politische Lösung an. Nächste Woche soll EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zur Vermittlung in die Ukraine reisen.

Die Massenproteste hatten vor gut zwei Wochen begonnen, nachdem Janukowitsch ein unterschriftsreifes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union auf Eis gelegt und eine Hinwendung zu Russland angekündigt hatte. Die Opposition vertritt dagegen einen pro-westlichen Kurs.

Für Sonntag hatte sie zum „Marsch der Million“ aufgerufen, und laut Opposition wurde die Zahl auch erreicht. Wie viele Teilnehmer genau kamen, war kaum zu überprüfen. Doch zeigten Luftbilder völlig überfüllte Straßen im Kiewer Zentrum so weit das Auge reichte. Viele Demonstranten trugen Europaflaggen und sangen die Nationalhymne. Es war der größte Protest seit der Orangenen Revolution 2004.
Oppositionspolitiker Arseni Jazenjuk verlangte vor den Menschenmassen die Entlassung von Ministerpräsident Nikola Asarow wegen des gewaltsamen Polizeieinsatzes gegen Demonstranten voriges Wochenende. „Wir werden bis zum Sieg kämpfen“, sagte er. „Wir werden für das kämpfen, an das wir glauben.“

Unter den Demonstranten gibt es anti-russische Strömungen. Beim Sturz der Lenin-Statue rund einen Kilometer vom Maidan entfernt schlugen einige auf den am Boden liegenden Torso ein. Die Menge skandierte „Ruhm der Ukraine“. Der Oppositionsabgeordnete Andrij Schewtschenko twitterte anschließend: „Lebe wohl, kommunistisches Erbe!“

Russland versucht, die frühere Sowjetrepublik Ukraine in eine Zollunion mit Weißrussland und Kasachstan einzubinden. Die Ukraine ist stark auf russisches Erdgas angewiesen. Darüber hinaus hatte Russland wegen der Annäherung an die EU mit Handelsbarrieren für ukrainische Produkte gedroht. Es wird darüber spekuliert, dass Janukowitsch das EU-Assoziierungsabkommen deshalb vorerst platzen ließ.

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  • Es geht hier nur um ein Abkommen, längst noch nicht um den Beitritt in die EU. Also Thema verfehlt.
    wie donolli schon sagte, den Menschen geht es nicht ums Geld, sondern sie wollen endlich echte Demokratie und Bürgerrechte. Darauf warten sie seit etlichen Jahrzehnten. so mancher, der hier solchen Schwachsinn schreibt, sollte am besten nach Russland auswandern, dort kann er sich mal ein Bild von der Realität machen. Abseits des schicken Stadtkerns der Reichen leben in Moskau wie auch in Kiew 90prozent der Bevölkerung in den verfallenden Plattenbauten des Sozialismus von 200 Euro monatlich...
    und die Ukraine hat z.B. Industriell und Landwirtwirtschaftlich grosses Potential. am Beispiel Polens kann man gut sehen, was mit der richtigen Regierung und fleissigen Menschen in 20 Jahren erreicht werden kann.
    Diese Zeit hat die Ukraine sozusagen im künstlichen Koma verbringen müssen, da gewisse Herrschaften nur sich selbst bereichern wollen.
    Solche als Demokratie getarnten Diktaturen müssen beseitigt werden, für das Volk, das endlich eine Stimme verdient und für ein stabiles Europa!

  • @ donolli

    Zitat : Den Menschen in der Ukraine geht es nicht um den Euro oder um Geld von der EU. Die wollen die Diebesbande um Janukowitsch loswerden!

    Ihre Aussage ist widersprüchlich !

    Ich schätze mal, dass es hier auch ums Geld geht ! Und die Opposition, als sie an der Macht war, hat auch das Volk beklaut, vorneweg die Timoschenko, die Hunderte von Millionen bei Gasliefergeschäften ihrem Volk entwendet und in Offshore-gebieten gebunkert hat !

    Sowohl die Regierung als auch die Opposition sind bis auf die Knochen korrupt !

    Und ahnungslose Pseudo-Gerechtigkeitsromantiker wie Sie, diese Dilettantin Aston, die zwei entfesselten Boxer oder der Möchte gerne - Außenminister Westerwelle schüren nur Öl ins Feuer, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was sie anrichten.

  • Von mir aus können die Ukrainer hier mitmachen. Geht voll in Ordnung!

    Und wenn es Probleme mit Rußland gibt: Dann sollen die auch beitreten. Das kann dem Völkerknast eu nur gut tun.

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