Massenproteste
Isländer fordern „neue Republik“

Kaum ein Land ist in der Finanzkrise derart gebeutelt worden wie die skandinavische Inselrepublik Island. Die Folgen der Finanzhavarie mit drohendem Staatsbankrott bekommen alle Isländer schmerzhaft zu spüren. Jetzt gehen Bürger auf die Barrikaden und die Politik reagiert: Ministerpäsident Geir Haarde kündigte Neuwahlen an, sein Wirtschaftsminister trat am Sonntag zurück.

HB REYKJAVIK. Islands Regierung hat den Zorn ihrer Wähler über die katastrophale Finanzkrise mit der Ankündigung vorzeitiger Neuwahlen alles andere als besänftigt. 6 000 Demonstranten, mehr als je zuvor in der erst 64 Jahre alten Geschichte der kleinen Inselrepublik, versammelten sich am Samstagabend vor dem Parlament "Althing" in Reykjavik und skandierten: "Für eine neue Republik".

Dass Ministerpräsident Geir Haarde nur 24 Stunden zuvor um drei Jahre vorgezogene Neuwahlen für den 9. Mai angekündigt hatte, reichte den Protestierenden längst nicht mehr. Sie verlangten neben dem sofortigen Rücktritt der kompletten Regierung auch die Ablösung des in Island überaus mächtigen Nationalbankchefs Davíd Oddsson.

Zu Teilen zeigten die die Straßenproteste am Sonntag Wirkung: Mit Wirtschaftsminister Björgvin Sigurdsson und der Spitze der staatlichen Bankenaufsicht traten am Sonntag erste Mitverantwortliche für das Desaster zurück. Dabei sprach der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Sigurdsson bei seinem Rücktritt als erster Sätze aus, wie sie die Bürger hören wollen: „„Der Zorn und die Enttäuschung bei den Menschen hier sitzen so tief, dass es für mich nicht möglich sein wird, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.“

Fast drei Monate sind seit dem Zusammenbruch der drei größten isländischen Banken als Folge gigantischer Kreditabenteuer vergangen, ohne dass jemand an der Spitze von Staat und Wirtschaft auch persönlich Verantwortung für das Desaster übernommen hat. Die Folgen der Finanz-Havarie mit drohendem Staatsbankrott aber sind inzwischen für alle Bürger schmerzhaft spürbar - keine Familie, in der nicht jemand den Job verloren hat, Wohnung oder Haus aufgeben muss, die angesparte Pension in Rauch aufgehen sieht oder den eigenen Kindern zur Auswanderung raten muss.

Aus den vor Weihnachten wöchentlichen Demonstrationen vor dem Althing sind seit letzter Woche tägliche Aktionen geworden. Fünf Abende in Folge mit Protestversammlungen reichten, um dem konservativen Regierungschef Geir Haarde und seiner sozialdemokratischen Außenministerin Ingibjörg Gísladottir die Ankündigung von Neuwahlen für den 9. Mai abzutrotzen.

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