Mauerfall
Protokolle belegen Thatchers Deutschen-Angst

Für Margaret Thatcher war der Fall der Berliner Mauer „kein freudiger, sondern ein gefährlicher Moment“. Damit war sich jedoch nicht alleine: Fast 1 000 Seiten bisher geheimer diplomatischer Protokolle zeigen, wie skeptisch Briten und Franzosen die Wiedervereinigung sahen.

LONDON. Am Abend des Mauerfalls rief Bundeskanzler Helmut Kohl vei Margaret Thatcher an und berichtete ihr vom Jubel der Menschen. Später kam der sowjetische Botschafter in die Downing Street. „Normalerweise kein gutes Zeichen“, erinnert sich Charles, heute Lord Powell, Thatchers engster Berater. „Sie wusste, dass der Fall großer Reiche große Vorsicht erfordert.“

Aber nicht nur Thatcher, von der man es wusste, ließ sich aus Angst vor der Wiedervereinigung zu Beschwörungen von Hitler und den bösen Deutschen verführen, sondern auch Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand. Das zeigen fast 1000 Seiten bisher geheimer diplomatischer Protokolle, die das britische Außenministerium am Freitag veröffentlicht.

Kurz nachdem Kohl im November 1989 seinen Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit veröffentlicht hatte, beugten sich Mitterrand und die Eiserne Lady über die Großdeutschland-Karte, die Thatcher aus der Handtasche gezogen hatte. „Sie können mehr Territorium gewinnen, als sie unter Hitler hatten“, sagte Mitterrand, als die beiden am 20. Januar im Elysee beratschlagten. „Die Aussicht auf die Wiedervereinigung macht sie wieder zu den „bösen Deutschen von einst“, so Mitterrand. Kohl treibe die Einheit mit „Brutalität“ voran.

Kohl bescheinigt Mitterrand in seinen Memoiren, ein „Doppelspiel“ gespielt zu haben. Ihm selbst gab Frankreichs Präsident „grünes Licht“, im Hintergrund bremste er. Thatcher, die immer sagte, was sie dachte, stachelte er an, ihre Sorgen hinauszuposaunen. Auch für Mitterrand sei die Wiedervereinigung immer eine sehr heikle Sache gewesen, sagte Thatcher am 8. Juni 1990 Michail Gorbatschow. „Der Unterschied war, dass ich es öffentlich sagte und er nicht.“

Mitterrand übte Druck auf Deutschland aus und forderte etwa die Währungsunion ein. Thatcher, fürchteten britische Diplomaten, beraube sich durch ihre undiplomatische Haltung der Einflussnahme. „Großbritannien gilt als der am wenigsten positive der drei Westalliierten, und der unwichtigste“, schrieb Botschafter Sir Christopher Mallaby aus Bonn: „Er scheint die Wiedervereinigung zu begrüßen“, notierte Thatcher sarkastisch am Rand seiner Depesche. Sie fürchtete, die Auflösung des Warschauer Pakts werde Gorbatschow zu Fall bringen und die Demokratisierung Russlands vereiteln, ihr edelstes Ziel. Sie fürchtete auch, Deutschlands Wirtschaftskraft werde das Gleichgewicht in der EU stören. Aber diese Ängste wurden durch ein Deutschlandbild geprägt, dass aus der Vergangenheit stammte.

Thatchers größter Triumph, der Fall des Kommunismus, mündete ironischerweise in ihre eigene geschichtliche Irrelevanz. Im Juli 1990 musste Umweltminister Nicholas Ridley zurücktreten, weil er sagte, was Thatcher vielleicht heimlich dachte: Die Europäische Gemeinschaft sei ein „deutscher Schwindel“, man könne sich ebenso gut gleich Hitler ausliefern. Vier Monate später wurde Thatcher gestürzt. Ihre eigene Partei sah, wie sie Großbritannien mit ihrem schrillen Anti-Europa-Kurs isolierte.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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