Medienzensur in Serbien
Journalisten üben den Aufstand

In Serbien können die Medien nicht so frei arbeiten, wie man sich das in einer Demokratie wünschen würde. Nun bläst einer der bekanntesten Journalisten des Landes zur Gegenoffensive.

BelgradRiesenskandal in Belgrad: Ein führender serbischer Journalist prangert die Zensur der Medien durch die Regierung an und ruft zum Widerstand auf. Aleksandar Rodic, der nach eigener Darstellung lange bei der Einschüchterung der Presse mitgespielt hatte, ist der Kragen geplatzt. „Heute sage ich für unseren gesamten Berufsstand: Es reicht!“, schreibt der Besitzer der auflagenstarken Zeitung „Kurir“ am Sonntag in seinem Blatt - es ist ein flammender Appell für einen Aufstand der Branche.

Und dann plaudert er aus dem Instrumentenkasten der Unterdrücker. Journalisten und ihre Familien würden von der Regierung bedroht. Die Medien seien zum Teil der Regierungsarbeit geworden, indem sie beispielsweise im Wahlstab von Ministerpräsident Aleksandar Vucic mitarbeiten mussten. 80 Prozent der Medien verhinderten auf Anweisung der Regierung jede Kritik an ihr. Sie beteten die wirtschaftlichen und sozialen Dauerkrisen in ihren Ländern im Sinne der Regierung gesund und „verschönern die Realität“.

„Verehrte Medienkollegen, Eigentümer, Herausgeber und Journalisten: Auch Sie wissen, dass es Zensur und Selbstzensur gibt. Sie haben wie ich dem Druck nachgegeben, dem wir ausgesetzt sind“, heißt es in der Kritik, die zunächst von den meisten anderen Medien im Land totgeschwiegen wurde. Am Vortag hatten das Boulevardblatt „Informer“ und der größte TV-Sender Pink, beides glühende Regierungsvorkämpfer, die Wohnadresse des unbotmäßigen Rodic veröffentlicht. Der Medienverband sprach am Sonntag von einer „direkten Gefahr für seine Sicherheit“.

Auch in den anderen Ländern der Region wird die mangelnde Medienfreiheit von der EU in Brüssel, der US-Regierung in Washington, der OSZE oder einschlägigen Medien-NGO angeprangert. Doch es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Die Politiker halten danach die Medien fest im Griff, um die Bevölkerung zu indoktrinieren und zu steuern, so die Vorwürfe. Kritische Journalisten werden demnach überall kaltgestellt, unliebsame TV-Sendungen aus dem Programm gedrängt. In Serbien wird immer wieder neu nachgewiesen, dass der ohnehin alles beherrschende Vucic die Medien nach Belieben dominiert - in den Überschriften und Fotos sowie seinen Dauerauftritten im Fernsehen.

Der prominente serbische Soziologe Jovo Bakic hat wie große Teile der Zivilgesellschaft vor allem der EU immer wieder vorgeworfen, die Verletzung „aller Werte, auf denen die europäische Zivilisation aufgebaut ist, wie Meinungsfreiheit und Medienfreiheit“ durchgehen zu lassen, nur damit in dieser Wetterecke Europas Ruhe herrscht. „Wenn ich an Stelle der EU wäre, würde ich anordnen, dass an erster Stelle die Medien geregelt werden, dass die Opposition in die Medien gelassen wird“, verlangte Bakic.

Was bisher theoretisch war, wird jetzt offensichtlich in die Praxis umgesetzt. Jetzt sei der Tag gekommen, gegen den Regierungsdruck aufzustehen, will Rodic seine Zunft mobilisieren: „Liebe Kollegen in allen Medien: Ich fordere Sie auf, sich von der Angst zu befreien, denn nur so können wir Journalisten werden. Dort, wo die Angst aufhört, fängt der Journalismus an.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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