Mehr Kredite, höhere Gewinne, weniger Arbeitslose – Einige Strukturreformen sind aber noch nicht angepackt
Wahlhelfer Wirtschaft

Der Zeitpunkt der Wahl hätte für Ministerpräsident Junichiro Koizumi kaum besser sein können. Seit Frühsommer ist die zweitgrößte Wirtschaft der Welt im Aufwärtstrend. Der Aktienindex Nikkei 225 liegt auf Vierjahreshoch. Ausländische Investoren haben im August so viele Aktien gekauft wie noch nie. In den vergangenen Quartalen stieg die japanische Wirtschaft um real 1,3 und 1,4 Prozent zum Vorjahr.

HB TOKIO.Die japanischen Konsumenten kaufen wieder. Der Grund: Mit 4,4 Prozent liegt die Arbeitslosenquote so tief wie seit Jahren nicht mehr. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei mehr als elf Prozent.

Die Unternehmen haben begonnen, ihre Rekordgewinne wieder in Japan zu investieren. Die Zahl der Vollzeitstellen, die jahrelang sank, steigt wieder. Gestern zeigte sich eine weitere Wende: Die japanischen Banken vergeben erstmals seit fast einem Jahrzehnt wieder mehr Kredite. Abschreibungen auf faule Kredite und Verbriefungen von Krediten herausgerechnet, stieg die Kreditsumme um 0,2 Prozent. Zwar sind es vor allem die Regionalregierungen und Privathaushalte, die sich mehr leihen, während sich die Unternehmen weiter zurückhalten. Dennoch sehen Ökonomen wie Richard Jerram, „wie weit die Erholung fortgeschritten“ ist.

Japan hat lange gebraucht, um nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienspekulationsblase Ende der 80er-Jahre seine Strukturprobleme anzugehen. Fünfzehn Jahre später haben zumindest die Großbanken ihre faulen Kredite auch dank des Drucks durch die Koizumi-Regierung in den Griff bekommen, stehen viele Großunternehmen nach vielen Jahren Sanierungsarbeit stärker da denn je. Infolge des von der Zentralbank gewollten Anpassungsprozesses fiel die Wirtschaft 1999 in die Deflation. Seither sinken die Preise. Das belastet das Wachstum. Doch seit einem Jahr ist der Deflationsdruck nur noch schwach. Und für diesen Herbst hoffen Ökonomen und Politiker auf die Trendwende und steigende Konsumentenpreise. Im Wahlkampf 2003 hatte Koizumi das Ende der Deflation ins Zentrum gestellt und ein Nominalwachstum von zwei Prozent im Fiskaljahr 2006 versprochen. Das Ziel scheint nun greifbar.

Dennoch: Nicht umsonst hat Koizumi den Wahlkampf auf die Post-Privatisierung verengt. Die Reform des Gesundheits- und vor allem des Rentensystems will er nicht mehr angehen. Hier liegt zu viel Konjunktursprengstoff, weil dafür wohl ebenso die Steuern steigen müssten wie für den Abbau der enormen Staatsverschuldung.

Ein Drittel der zahlungspflichtigen Japaner zahlen die Rentenbeiträge, die anders als in Deutschland nicht direkt einbehalten werden, einfach nicht mehr, weil sie fürchten, am Ende nichts mehr von dem Geld zu sehen. Die Folge: Der nationalen Rentenkasse, neben der Arbeiterrentenkasse die Hauptsäule des Rentensystems, fehlen fast 1,3 Milliarden Euro. Angesichts der raschen Alterung in Japan tickt dort eine Zeitbombe. Die Staatsverschuldung ist indes auf fast 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geklettert. Koizumis Anstrengungen, die Staatsausgaben zu senken, seien völlig unzureichend gewesen, kritisiert Yasuo Tanaka, Chef der neu gegründeten Neuen Partei Nippon. „Er hat letztlich doch nur das getan, was der Bürokratie nicht wirklich wehgetan hat.“

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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