Mehr Lob als Kritik für den US-Finanzminister Henry Paulson
Zwischen Moral und Flächenbrand

Henry Paulson ist als US-Finanzminister und Ex-Chef von Goldman Sachs eigentlich gegen Interventionen. Doch er handelt anders. Seit der Rettungsaktion für Bear Stearns sich sich Paulson immer wieder zu Feuerwehraktionen gezwungen.

WASHINGTON. Mehr Lob als Kritik hatte Henry Paulson gerade eingestrichen, als der US-Finanzminister am Montag schon wieder vor einer Grundsatzentscheidung stand - und sich sichtlich schwertat. Nach seiner konsequenten Haltung gegen Staatshilfe für die Investmentbank Lehman Brothers wollte Paulson standhaft bleiben. Also setzte der 62-Jährige alles daran, den Sturz des Versicherungsriesen AIG mit möglichst wenig staatlicher Intervention zu verhindern. Doch ohne Erfolg.

Eigentlich steht Paulson für einen ordnungspolitisch sauberen Kurs, aber seit der Rettungsaktion für Bear Stearns sieht sich der Ex-Investmentbanker immer wieder zu Feuerwehraktionen gezwungen. Bei AIG setzte Paulson auf private Geldgeber, organisiert vom Investmenthaus Goldman Sachs - Paulsons Ex-Arbeitgeber - und der Bank J. P. Morgan Chase. Einen Jumbo-Kredit von 75 Mrd. Dollar sollten sie auf die Beine stellen. Doch als klar wurde, dass diese Summe im Markt nicht aufzubringen sein würde, musste Paulson erneut umschwenken. Und nur wenig später waren der Finanzminister und Notenbank-Chef Ben Bernanke bereits auf dem Capitol Hill unterwegs, um den Kongress auf die neuen Realitäten einzustimmen: Schon wieder stand eine staatliche Rettungsaktion bevor.

Dabei hatte "Hank" Paulson am Wochenende in Sachen Lehman Brothers gerade Rückgrat gezeigt. Keine Wiederholung von Bear Stearns, lautete die Devise. Nicht schon wieder sollte der Staat eine kollabierende Bank vor dem Untergang retten. Denn was dem Marktökonomen Paulson fast noch wichtiger ist als der Erhalt der Geldhäuser, ist der Stopp des Verfalls der Moral. Den Vorwurf, "moral hazard" zu befördern und die Banken zu noch riskanteren Geschäften zu verleiten, mag sich Paulson zum Ende seiner Amtszeit nicht anheften lassen. Doch mit immer weiteren staatlichen Stützungsmaßnahmen ist es genau das, was sich im Markt immer mehr festsetzt: Wenn nichts mehr geht, dann springen am Ende Regierung oder Notenbank ein. "Der moralische Verfall ist schon drin im System", sagt Ben Steil vom Council on Foreign Relations.

Der Fall AIG liegt aber anders als Lehman Brothers, vor allem wegen der weitreichenden Folgen, die ein Absturz für den Normalbürger hätte - in den USA und weltweit. AIG-Anleihen stehen als Guthaben in den Büchern Tausender Banken. Ein Abschmelzen dieser Bonds könnte einen Flächenbrand auslösen. AIG konnte Paulson nicht dem Untergang überlassen.

Ob Bear Stearns, die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, Lehman oder nun AIG - in den letzten Monaten hat sich Paulson über die jeweiligen Maßnahmen stets mit einer kleinen Gruppe von Experten beraten. Die kommen vor allem aus der Treasury, dem Finanzministerium, und von Goldman Sachs, jenem Investmenthaus, das Paulson selbst über Jahre als Chef leitete. Es ist dabei ein glücklicher Umstand, dass ausgerechnet Goldman Sachs die Turbulenzen bislang besser als die meisten anderen Marktteilnehmer übersteht. Damit festigt sich auch die Reputation ihres ehemaligen Chefs, der vor rund zwei Jahren nur nach längerem Zögern für den Job in der Regierung gewonnen werden konnte. Paulson zog es nicht wirklich weg von der Wall Street - und es bedurfte schon der eindringlichen Intervention des US-Präsidenten George W. Bush, um den Republikaner nach Washington zu lotsen.

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