Mehr neue Arbeitsplätze als Statistiken ausweisen
Wachstum schafft in Brasilien Beschäftigung

In Brasilien geht die Arbeitslosigkeit weiter zurück. Nach den jüngsten Daten des statistischen Amtes IBGE ist die Arbeitslosigkeit erstmals unter 11 Prozent gesunken, nach dem sie im Vorjahr noch bei knapp 13 Prozent lag.

SAO PAULO. Nach Angaben des Arbeitsministeriums sind dieses Jahr bereits eine Million neue Stellen entstanden. Bis Jahresende sollen es 1,8 Mill. werden. Das sind gute Nachrichten für Präsident Luis Inácio Lula da Silva, dessen Popularitätswerte seit zwei Monaten wieder kräftig zulegen.

Doch sie könnten noch besser sein. Denn die guten Nachrichten vom Jobwachstum sind unvollständig: Vermutlich sind die Arbeitslosenzahlen noch stärker gesunken. Doch lässt sich das in den offiziellen Statistiken nicht erkennen – egal ob sie vom Statistischen Amt IBGE, den Gewerkschaften (Diese) oder Arbeitgeberverbänden (Fiesp oder CNI) sowie dem Arbeitsministerium erhoben werden. Aussagekräftig sind sie alle nur bedingt, weil weite Teile des großen Landes gar nicht erfasst wird. „Die offizielle Arbeitslosenquote des Statistischen Amtes IBGE sagt höchtens etwas über die Arbeitslosigkeit in den Städten aus, aber nicht mehr“, kritisiert der Ökonom Mário Mesquita von der Investmentbank ABN Amro.

Beispiel Schuhindustrie: Seit etwa zehn Jahren verlagern die großen Schuhfabriken aus dem Süden Brasiliens Teile ihrer Produktion in den Nordosten Brasiliens. Angelockt von Steuererleichterungen siedeln sie ihre Fabriken im ärmsten Teil des Landes an. „Wir wollen direkt in einem der Wachstumsregionen produzieren“, erklärt Antonio Britto, Präsident der Schuhfirma Azaleia, mit 200 Mill. $ Umsatz einer der Marktführer Brasiliens. „Gleichzeitig sind wir hier näher an den Exportzielen in Europa und den USA.“ So produzieren 58 Schuhfirmen im Landesinnern des Bundesstaats Bahia jährlich 35 Millionen Paar Schuhe, ein Viertel davon für den Export. Rund 20 000 Menschen haben in den wüstenähnlichen Landstrichen Arbeit gefunden, wo es außerhalb der Subsistenzwirtschaft nur bei der Präfektur einige Arbeitsplätze gibt. Doch dieses Jobwunder taucht in den offiziellen Statistiken Brasiliens nicht auf. Das gleiche gilt für große Teile der Landwirtschaft, die in den vergangenen drei Jahren rasant gewachsen ist und maßgeblich zum hohen Handelsbilanzüberschuss des Landes beiträgt: In den Provinzstädten der agrarischen Zentren im Zentrum und Westen des Landes gibt es kaum Arbeitslosigkeit. Der Wohlstand nimmt dort in den Mittelstädten besonders stark zu. Die Autokonzerne machen denn auch in den landwirtschaftlichen Pionierregionen größere Umsätze als in den besten Stadtlagen der Großstädte an der Küste.

So zeigen die Statistiken nur einen Ausschnitt der Beschäftigungssituation. Da nach dem exportgetriebenen Wachstum nun auch die Binnenkonjunktur anzieht, nehmen die Jobs vor allem in der Industrie zu: Nach Erhebungen des Industrieverbands CNI steigt die Beschäftigung in der Industrie seit Juni 1 Prozent monatlich. Bis zum Jahresende könnten 8 Prozent mehr Jobs in der verarbeitenden Branche entstehen. Im August wuchsen die Umsätze der Industrie um 20 Prozent, die Zahl der gearbeiteten Stunden um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. In der Industriemetropole São Paulo ist die Arbeitslosenquote seitdem am stärksten gesunken (minus 7 Prozent).

Ein positives Signal ist das für Brasiliens Wachstum. Paulo Mol, Ökonom beim Industrieverband CNI: „Arbeitgeber stellen nur ein, wenn sie überzeugt sind, dass das Wachstum anhält.“ So werde Brasilien dieses Jahr und 2005 zwischen 4 bis 5 Prozent wachsen.

Die zunehmende Nachfrage nach Arbeitskräften führt auch zu vorsichtigen Lohnsteigerungen. Weil gleichzeitig die Inflation abnimmt, sind die Realeinkommen in einem Jahr 3,2 Prozent gestiegen, alleine seit August 1,7 Prozent. „Endlich kommt der Arbeitsmarkt in Gang“, sagt Paulo Leme von Goldman Sachs, „ein gutes Zeichen für den Konsum und das Wachstum in der nächsten Zeit.“

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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