Mehrere Häuser gestürmt
US-Armee bekommt immer mehr Tipps

Die nachlassende Angst vor dem irakischen Ex-Diktator und das hohe Kopfgeld für seine Ergreifung lösen bei immer mehr Irakern die Zungen. Am Sonntag entkam Saddam seinen Jägern offenbar nur knapp.

HB/dpa/rtr BAGDAD. Das Aufspüren und die Tötung der Saddam-Söhne Udai und Kusai in Mosul hat einen Mythos beschädigt: den der Unerreichbarkeit des Saddam-Clans. Noch dazu wurde Verrat zu ihrem Verhängnis. Der Verwandte, der ihnen Unterschlupf bot, hat sie allen Anzeichen nach bei den Amerikanern angezeigt und das Kopfgeld von 15 Mill. Dollar für jeden von ihnen kassiert.

Drei Tage später nahmen die US-Truppen in Tikrit, Saddam Husseins Geburtsort, 13 Personen fest, unter ihnen angeblich fünf bis zehn Männer aus dem Personenschutz Saddams. Auch dieser Coup gelang, weil bei den Amerikanern ein Hinweis eingegangen war. „Wir ziehen die Schlinge immer enger zu“, erklärte General Ray Odierno, der Kommandeur der in Tikrit stationierten 4. US-Infanteriedivision. „Und ich glaube, dass wir immer mehr Informationen darüber gewinnen, wo Saddam stecken könnte.“ Auch US-Generalstabschef Richard Myers sagte, es gebe eine Flut neuer Informationen, und er sei sich sicher, dass Saddam gefunden werde.

Solche Informationen führten die US-Soldaten am Morgen zunächst zu einem Haus in Tikrit. Saddam Husseins neuer Sicherheitschef und möglicherweise der frühere Diktator selbst entkamen dort den Alliierten bei einer Razzia am Morgen offenbar nur knapp. Nach einem Hinweis von Anwohnern stürmten Truppen drei Häuser in Husseins Heimatstadt, wie ein Militärsprecher erklärte. „Wir haben ihn um 24 Stunden verpasst“, sagte Oberstleutnant Steve Russell. Es habe sehr verlässliche Geheimdienstinformationen gegeben, dass sich Saddam dort aufgehalten habe. Es werde vermutet, dass er in der Gegend von Tikrit sei und alle zwei bis vier Stunden seinen Aufenthaltsort wechsele.

Am Sonntagabend dann stürmten die US-Soldaten ein Haus eines einflussreichen irakischen Stammesfürsten in einer besseren Wohngegend von Bagdad. Anwohner berichteten von Gerüchten, dass sich dort der gestürzte Präsident Saddam Hussein oder Mitglieder seiner Familie aufgehalten hätten. Ein US-Militärsprecher erklärte zu dem Angriff auf die Villa in Bagdad, dieser sei von eine Spezialeinheit ausgeführt worden. Weitere Informationen habe er nicht. Der Hauseigentümer, Stammesführer Rabeeah Amin, sagte, er sei nach dem Sturm der Soldaten auf sein Haus heimgekehrt. Angeblich solle sich Saddam hier versteckt gehalten haben. „Aber ich weiß vom dem nichts.“ Soldaten sperrten den Mansur-Bezirk über eine Stunde lang ab und weigerten sich, Auskunft über die Aktion zu geben.

Die 25-Millionen-Dollar-Frage - denn genau so viel haben die Amerikaner auf Saddams Kopf ausgesetzt - erregt das ganze Land. Er verberge sich wie seine Söhne in Mosul, meinte der Vize-Gouverneur der Stadt, Ibrahim Arafat. „Er versteckt sich in einem 60 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Areal um Bagdad“, offenbarte der ehemalige Chef des Militärgeheimdienstes, Wafik el Samarrai, dem britischen „Independent“. Andere wiederum schwören darauf, dass er sich noch lange nach Kriegsende in den Bagdader Stadtteilen Kark und Adhamija gezeigt habe.

Tatsächlich verliert sich Saddams Spur in Adhamija, einem sunnitischen Stadtteil mit hohem Anteil von Regime-Loyalisten. Am 9. April, dem Tag, an dem Bagdad an die Amerikaner fiel, ließ er sich dort noch von eine Menschenmenge feiern. Den denkwürdigen Auftritt hielt ein Amateur-Video fest, das später von arabischen TV-Kanälen ausgestrahlt wurde. Die inzwischen im Untergrund entstandenen Tonband-Aufnahmen stufte der CIA als wahrscheinlich echt ein. In ihnen ruft der entmachtete Diktator zum unablässigen Widerstand gegen die Besatzer auf.

Saddam reitet damit wohl eher auf einer Welle von Gewaltakten mit, die die Amerikaner durchschnittlich einen Soldaten am Tag kosten. Die letzten Erfolge geben ihnen aber Hoffnung, dass bald der entscheidende Tipp bei ihnen eintrifft. „Man kann ruhig sagen, dass immer mehr Leute zu uns kommen“, stellte ein US-Offizier in Bagdad fest. „Sie sind nun zuversichtlich, dass von den Saddams keine Gefahr mehr ausgeht.“

Doch Saddam sei „sehr schlau und sehr intelligent“, gab der 27-jährige Firas Madschid zu bedenken, der in einer Fruchtsäfte-Bar in Adhamija arbeitet. „Der schläft keine zwei Nächte im selben Haus.“ Außerdem sei er ein „harter Knochen“, der sein ganzes Leben an Versteckspiel und Konspiration gewohnt gewesen sei.

Der Mythos mag unter der Tötung der Söhne gelitten haben, völlig zerstört ist er noch nicht. In Bagdad erzählt man sich folgende Anekdote: Als Udai nach einem Attentatsversuch im Krankenhaus lag, besuchten in Saddam und Kusai. Die beiden Söhne wetteten, ob der Vater das Krankenzimmer durch die rechte oder durch die linke Türe verlassen würde. Keiner von beiden tippte richtig. Saddam verschwand durch einen Geheimausgang.

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