Mehrheit der US-Bürger rechnet mit weiterem Terror
Amerikaner hoffen – aber fühlen sich bedroht

Scott Bushkie hat wieder große Pläne. Zwei Jahre lang musste der Chef einer Finanzmaklerfirma in Green Bay, Wisconsin, kleine Brötchen backen: Investitionen wurden auf Eis gelegt, Etats zurückgefahren – die Terrorattacken vom 11. September 2001 drückten mächtig aufs Geschäft. Aber jetzt will Bushkie in Milwaukee eine Filiale eröffnen. „Ich werde expandieren, auch wenn im Hinterkopf immer noch die Angst vor neuen Anschlägen mitspielt.“

WASHINGTON. So wie Bushkie geht es vielen US-Unternehmern. Nach einer Umfrage unter den 100 größten Firmen bezeichnet zwar jede zweite die Möglichkeit von weiteren Anschlägen als Geschäftsrisiko. Doch das Ganze wird als Standardrubrik abgehandelt – wie etwa Währungsschwankungen oder Wettbewerbseffekte. Hinter den Kulissen ist der Horror des 11. September allerdings präsenter. „Egal, was die Unternehmen öffentlich sagen: Die größte Sorge ist nach wie vor die Angst vor neuen Terrorattacken“, betont Mark Zandi, Chef-Volkswirt bei der Investment- Firma Economy.com.

Auch bei der US-Bevölkerung ist auf den ersten Blick Normalität eingekehrt: Die Amerikaner reisen wieder, gehen in Restaurants und pilgern zu Football-Spielen. Doch unter der Alltagsroutine fühlen sie sich bedroht. Nach einer Umfrage des Pew Research Centers rechnen 58 Prozent der US-Bürger mit weiteren Anschlägen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann erneut etwas passiert“, meint der Rentner Carl Goller aus dem Washingtoner Vorort Bethesda. Und der aus Äthiopien eingewanderte Parkwächter Moussa Olimbe würde am liebsten aus der US-Hauptstadt wegziehen: „In Washington ist die Terrorgefahr am größten“, sagt er. „Präsident George W. Bush hat sich auf der ganzen Welt Feinde gemacht.“ Der Chef des Weißen Hauses gerät im eigenen Land immer mehr in die Kritik: Seine Zustimmungsrate hat sich mit rund 50 Prozent auf das Niveau vor dem 11. September 2001 eingependelt.

Von der Notwendigkeit des Irak-Krieges sind aber unverändert rund zwei Drittel der Amerikaner überzeugt. Nach einer Umfrage der „Washington Post“ glauben 69 Prozent der US-Bürger, dass Saddam Hussein „wahrscheinlich“ in die Anschläge verwickelt war.

Der Regierung ist es offenbar gelungen, im öffentlichen Bewusstsein eine Verbindung zwischen Saddam und der Terrorgefahr einzupflanzen. Das bestätigt auch der Politikwissenschaftler John Mueller von der Ohio State University: „Der 11. September hat die Leute verschreckt – niemand mag El Kaida, und jeder weiß, dass Saddam ein ‚bad guy’ ist. Diese Dinge vermischen sich zu einer diffusen Gemengelage.“ Und Matthew Dowd aus Bushs Wahlkampf-Team räumt unumwunden ein: „Rational betrachtet muss man den Krieg im Irak vom Krieg gegen den Terrorismus trennen. Aber die Öffentlichkeit tut das nicht: Für sie ist der gesamte Nahe Osten ein Konglomerat aus Terrorismus und schlechten Menschen.“

Vor diesem Hintergrund ist Bushs Strategie zu sehen, seine Kampagne im Irak zum „Zentrum im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus“ zu machen – gut ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen. Doch diese Marschroute ist riskant. Nach einer Umfrage der University of Maryland glauben 64 Prozent der Amerikaner, dass die eigene Militärpräsenz im Nahen Osten die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen erhöht. Für 81 Prozent ist es eine Lektion des 11. September, bei der Anti-Terror-Mission mehr mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Die US-Opposition hat dies zu ihrem großen Argument gegen die Regierung gemacht.

Angesichts der nicht abreißenden Guerilla-Attacken und der explodierenden Kosten im Irak fährt die US- Regierung die kraftstrotzende Rhetorik von der amerikanischen Führungsrolle in der Welt zurück, die einst verachtete Uno soll jetzt zumindest eingespannt werden. Ob dahinter auch ein inhaltlicher Kurswechsel steht, darüber rätseln die Experten in Washingtons Denkfabriken. Philip Gordon von der liberalen Brookings Institution wertet die wachsenden Probleme im Irak als „Druck auf Bush, multilateraler zu werden“. Dagegen bezeichnet Ted Carpenter vom marktwirtschaftlich orientierten Cato Institute die Politik der Regierung als „unverändert unilateral – aber mit multilateraler Fassade“.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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