Meinung zum US-Rettungspaket
Im Exil auf der Main Street

Don ist ein erfolgreicher Anwalt. Einst hat er der Tabakindustrie und Pharmakonzernen das Fürchten gelehrt. Doch mehr als die Allgewaltigen aus dem Business fürchtet er George W. Bush. Besser: dessen Inkompetenz. Don ist ein gutes Beispiel dafür, wie der gemeine amerikanische Bürger zur Finanzkrise und dem Rettungspaket der US-Regierung steht.

SAN FRANCISCO. "Seit Bush hat die Philosophie der absoluten Deregulierung das Niveau der absoluten Inkompetenz erreicht", faucht Anwalt Don. "Iran, Irak, Haushalt und nun der Bailout! Jahrelang haben die Immobilienmakler landauf, landab die Regierungen vor den Praktiken der Banken und Investmenthäusern gewarnt, weil ihnen klar war, dass die Billighypothekenkredite ins Desaster führen. Nur Washington und die Fed haben nichts geahnt?"

Don staucht die Augenbrauen: "Come on! Nun sind Millionen durch diese Praktiken an der Wall Street abgestürzt. Dafür sollen die jetzt von Washington noch groß belobigt werden? Ein letzter goldener Handschlag von George W.?"

Die Main Street kann ganz schön "mean" werden, ganz schön gemein, wenn sie sich von der Wall Street und dem Herrn Präsidenten hochgenommen fühlt. Wer verstehen will, weshalb Amerikas Parlamentarier sich derart zieren, den Rettungsplan für das Finanzwesen durchzuwinken, der sollte ein wenig zuhören, was gestandene Bürger in Amerikas Cafés in diesen Krisentagen einander erzählen - ein paar Protokolle aus Berkeley.

Eigentlich ist Don ein gelassener Mann. Nichts liegt ihm ferner, als sich in Rage zu reden. Aber er kann nicht anders, wenn er an die 700 Milliarden Dollar denkt, mit denen Bushs Finanzminister Hank Paulson Amerikas Finanzindustrie retten will. "Die Idee, diesen Berg an wackligen Verbindlichkeiten zu schnüren und im Wissen um das Risiko weiterzuverkaufen, kann nur im Kalkül erfolgen, dass alles eines Tages zusammenbrechen muss, dann aber andere dafür geradestehen müssen", schnaubt er. "Die anderen sind wir: die Steuerzahler." Die 700 Milliarden Dollar seien doch nur "Lösegeld" für die in der Krise gefangenen Banken.

Don wohnt mit seiner Familie in Berkeley. Das ist in Amerika ein Synonym für: Er ist Demokrat, ein Linker. Aber Dons Wut geht weit über einen politischen Lagerkampf hinaus: "Mit den 700 Milliarden hält Bush nur eines am Laufen: Das System der Pyramide, in dem alle unten den Wenigen oben die Gewinne schenken. Am Ende, das wissen wir, geht das System unter."

Der Anwalt schlüpft in die Rolle des Nebenklägers und findet sofort das inkriminierende Indiz: "Nachdem Bushs erster Vorschlag geplatzt war, kommt nun der zweite. Und womit will er die wütenden Amerikaner ködern? Genau: mit dem amerikanischen Allheilmittel überhaupt: mit Steuersenkungen." Die hätten doch nur den Sinn, die aufgebrachten Wähler davon abzuhalten, ihre Abgeordneten in Washington anzurufen und ihnen das Vertrauen zu entziehen. "Das ist jämmerlich, das ist gefährlich."

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