Meinungsfreiheit
Chinas Blogger knacken Monopol der Staatsmedien

Über Jahrzehnte hatte Chinas Staatsführung das Macht- und Meinungsmonopol. Doch inzwischen mischen sich Chinas junge Blogger ein und schaffen eine neue Öffentlichkeit.

PekingWenn schon das Unmögliche möglich geworden ist, findet die Schauspielerin Yao Chen, dann muss auch das Unaussprechbare aussprechbar sein. Deswegen setzt sich Chen an ihren Rechner und dichtet eine Kurznachricht für die Internetgemeinde, als auf Chinas Internetseiten die Bilder eines entgleisten Super-Schnellzugs auftauchen. Es ist eines der Großprojekte, aus denen Volk und Führung in China ihr Gefühl des technischen Fortschritts, ja der Überlegenheit zogen. Die Parteiführung möchte diese Bilder verbannen, sie will nicht sehen, wie die Fortschrittspropaganda auf einem Eisenbahngleis in der Provinz zerschellt. Yao Chen aber findet, dass der Mangel ausgesprochen gehört. Deswegen schreibt sie in ihren Blog: "Diese sogenannte Krisen-PR hat doch nur das Ziel, die Wahrheit zu vertuschen!"

Man könnte dies als einzelne Stimme abtun, als Zwischenruf einer Frau der Künste in die Welt der Mächtigen. Wenn es nicht ein weiterer Tabubruch in Chinas Öffentlichkeit wäre. Je mehr sich Unglücke in China häufen, je deutlicher die Schattenseiten des Wirtschaftsbooms sichtbar werden, desto stärker wird das Verlangen, der Meinung der Mächtigen eine Meinung des Volkes entgegenzusetzen. Und die schärfste Waffe dabei ist das Internet.
Aus der virtuellen Welt des Internets bewegen Chinas Blogger in der physischen Welt große Dinge. Sie bewirken die Hebung vergrabener Eisenbahnwagen, wie nach dem Eisenbahnunglück. Oder die Verlegung ganzer Fabriken, wenn diese die Umwelt zerstören. Vor allem aber bewegen die Blogger die Machtaritmetik des chinesischen Staates: Denn über Jahrzehnte veröffentlichten Zeitungen und Rundfunk nur die Meinung der Parteiführung. Und so sagen Blogeinträge, wie jener der Schauspielerin, viel aus, über die Zustände im Reich der Mitte.

Der Aufstand der Blogger läutet eine neue Ära ein

Einer, der diese Situation ganz genau beobachtet, ist Michael Anti. Er ist selber Journalist und auf dem Mikroblog Twitter aktiv. Anti hat selbst erlebt, wie schwer es in China ist, seine Meinung zu äußern. Deswegen wirkt es umso schwerwiegender, wenn er sagt: "Wir erleben hier den Beginn einer neuen Ära. Plötzlich haben die Bürger in China eine Stimme." Noch wisse die Führung des Landes nicht genau, wie sie damit umgehen solle. Sie beobachte die Situation und entwickele eine Strategie für den Umgang mit dem Phänomen: "Doch eines ist klar, keiner kann die Uhr wieder zurückstellen und die Mikroblogs schließen."

Im bevölkerungsreichsten Land der Welt gibt es mindestens 450 Millionen Internetnutzer - etwa so viele Menschen, wie in der gesamten Europäischen Union wohnen. Fast alle haben auch ein "Mikroblog", chinesisch "Weibo", wohinter sich nichts anderes verbirgt als eine Nachahmung von Twitter.

Allein beim Marktführer Sina.com schreiben knapp 200 Millionen Nutzer eifrig Kurzmitteilungen an den Rest der Welt. Meist betreffen die maximal 140 Zeichen nur den banalen Alltag. Doch immer öfter geht es um Missstände in Politik und Gesellschaft. Der Journalist Michael Anti sieht in den Mikroblogs eine Chance, Missstände abzubauen. Der 36-Jährige sendet seine Botschaft auf allen Kanälen. Er schreibt in der Print-Presse und verbreitet seine Meinung zu allen aktuellen Themen sowohl auf Twitter als auch auf Weibo. "Ich will ganz vorne mit dabei sein, wenn die neue Zeit der Internetöffentlichkeit losgeht", beschreibt er seine Motivation.

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