Meiste Opfer Marokkaner
41 Tote bei Terror-Anschlägen in Casablanca

Vier Tage nach dem Bombenterror in der saudi- arabischen Hauptstadt Riad sind bei fünf Selbstmordanschlägen in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca 41 Menschen getötet worden. Mindestens 65 wurden verletzt, 17 von ihnen schwer, wie die Behörden am Samstag mitteilten.

HB/dpa/rtr CASABLANCA. Unter den Toten seien auch zehn der aus Marokko stammenden Attentäter, sagte Innenminister Mustafa Sahel in der Hauptstadt Rabat. Drei der mutmaßlichen Terroristen seien festgenommen worden. Die Anschläge trügen die gleiche Handschrift wie die in Riad, die dem Terrornetzwerk El Kaida zugeschrieben wurden. Dort starben in der Nacht zum Dienstag 34 Menschen.

Die meisten Opfer der Anschläge in Casablanca seien Marokkaner, hieß es. Nach Angaben aus Diplomatenkreisen starben aber auch mindestens zwei Spanier und ein Franzose. Hinweise auf deutsche Opfer gab es nicht. „Die Attentate wurden von Feinden nicht nur Marokkos, sondern der Demokratie und des Fortschritts verübt“, sagte Regierungssprecher Nabil Benabdellah. Es waren die blutigsten Anschläge in der Geschichte des nordafrikanischen Königreichs. Die Attentäter könnten Mitglieder einer bislang „schlafenden Terrorzelle“ El Kaidas gewesen sein, wurde gemutmaßt. Am Abend verschaffte sich König Mohammed VI. vor Ort persönlich ein Bild der Lage.

Die Terroristen hatten am späten Freitagabend im Vergnügungs- und Finanzzentrum der Wirtschaftsmetropole zeitgleich mehrere Autobomben gezündet oder sich vor westlichen und jüdischen Einrichtungen in die Luft gesprengt. Die meisten Toten - bis zu 20 - waren in einem spanischen Kulturhaus zu beklagen. Drei Attentäter hätten das gut besuchte Restaurant des Kulturhauses gestürmt und mitten unter den rund 150 Gästen die umgeschnallten Sprengladungen gezündet.

Ein Polizist berichtete, einem Wachmann vor dem Club-Restaurant „Casa de Espana“ hätten die Angreifer den Kopf abgeschnitten, bevor sie ihre um den Leib geschnürten Sprengsätze gezündet hätten. Das riesige, blutbeschmierte Messer ließen sie am Tatort liegen. Anwesende berichteten von zwei Explosionen, die im Innern des Clubs, in dem Diplomaten und Geschäftsleute verkehrten, ein Schreckensbild aus Blutlachen und abgerissenen Körperteilen hinterließen. In schwarzen Säcken trugen Helfer die Überreste der Opfer und Täter hinaus.

Die Explosionen trafen aber auch ein jüdisches Zentrum, einen jüdischen Friedhof, das Konsulat Belgiens und das Luxushotel „Safir“, wo ein Treffen amerikanischer und marokkanischer Experten über den Kampf gegen den Terrorismus stattfand. Vor dem Hotel ging eine Autobombe hoch. Mindestens acht Menschen sollen dabei getötet worden sein. Bei den Anschlägen auf jüdische Einrichtungen habe es keine jüdischen Todesopfer gegeben, teilte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums mit. Die belgische Botschaft in der marokkanischen Hauptstadt Rabat teilte mit, zwei Polizisten, die das belgische Konsulat in Casablanca bewachten, seien getötet worden, als die Selbstmord- Bomber ihre Sprengsätze zündeten. Das von den Explosionen stark beschädigte Gebäude liegt einem von einem Juden betriebenen Restaurant gegenüber, dem offenbar der Anschlag galt.

Die Wucht der Detonationen zersplitterte Fenster, beschädigte Häuserfassaden und ließ Autos in Flammen aufgehen. Als die Bomben explodierten, waren die Straßen und Restaurants in der Drei- Millionen-Stadt noch voller Menschen. Es seien Panik und Chaos ausbrochen, berichteten Augenzeugen.

US-Präsident George W. Bush sagte in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache am Samstag, die Gefahr durch El Kaida bleibe weiter aktuell. Die USA sagten Marokko Hilfe bei der Fahndung nach den Tätern zu.

Die Bundesregierung in Berlin reagierte mit Entsetzen und „tiefer Betroffenheit“ auf die Anschläge. Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, der Terrorakt rufe ins Bewusstsein, „dass die Staatengemeinschaft im Kampf gegen den internationalen Terrorismus in ihren Anstrengungen nicht nachlassen darf“. Der israelische Außenminister Silwan Schalom erklärte in einer Beileidsbotschaft: „Der Terror ist weltumfassend und gegen uns alle gerichtet, deshalb ist ein globaler Kampf gegen ihn notwendig.“ Der spanische Ministerpräsident José María Aznar sagte: „Wir müssen den Kampf gegen den Terrorismus fortsetzen.“

Beobachter schlossen einen Zusammenhang mit der Haltung Marokkos während des Irak-Krieges nicht aus. Das als USA-freundlich geltende Land hatte die US-Militärintervention im Gegensatz zu anderen arabischen Staaten nicht kritisiert, obwohl es auch in Marokko Massenproteste gegen den Krieg gab. Die Regierung in Marokko war stets bedacht, die Islamisten im Land unter Kontrolle zu halten.

Denkbar sei auch ein Zusammenhang mit einem Prozess, bei dem im Februar in Casablanca drei saudische Staatsbürger wegen Zugehörigkeit zu El Kaida zu je zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden waren. Fünf weitere Angeklagte waren zu Haftstrafen zwischen vier Monaten und einem Jahr verurteilt worden.

Der israelische Rundfunk meldete, das Außenministerium in Jerusalem gehe von einer „direkten Verbindung“ zwischen den Anschlägen in Casablanca und in der saudischen Hauptstadt Riad sowie dem Selbstmordanschlag eines britischen Moslems auf eine Bar in Tel Aviv zu Beginn des Monats aus. Das britische Außenministerium hatte am Freitag vor möglichen Terroranschlägen in Kenia, Uganda, Äthiopien, Tansania, Somalia, Eritrea und Dschibuti gewarnt.

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