Menschen leben sogar auf Friedhöfen
Kairo lässt Stadtplaner verzweifeln

Die hohen, grünen Metallgitter sind neu. Sie sollen die Fußgänger davon abhalten, in Scharen über den riesigen Ramses-Platz in Kairo zu laufen. Soldaten bewachen die Türen und lassen nur alle paar Minuten die Massen passieren. Die Sammelstellen von Bussen und Minibussen wurden verlegt, um diesen am stärksten verstopften Knotenpunkt der ägyptischen Hauptstadt zu ordnen. Doch wenn die grünen Metallgitter für die Fußgänger geöffnet werden, fahren auch Taxis und Minibusse einfach in das Getümmel auf dem Platz. Die Polizei ist machtlos, das Chaos perfekt.

KAIRO. Das Geschehen um den Ramses-Platz, an dem der Bahnhof und eine Metrostation liegen, illustriert, dass Stadtplanung unter dem Druck der Bevölkerungsmassen kaum Chancen hat. „Al Qahira“ – „die Siegreiche“ heißt die Metropole am Nil. Besser würde „die Chaotische“ oder „die Anarchische“ passen.

Alle zehn Monate wächst die Einwohnerzahl des Landes um eine Million Menschen. Kairo muss einen Großteil der Last schultern: Rund 20 Prozent der Ägypter sollen in der Hauptstadt leben – 16 Millionen Menschen – doch genaue Zahlen gibt es nicht. In einzelnen Vierteln leben 25 000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Hinzu kommen drei Millionen Pendler, die täglich in die Stadt einfallen.

Auch wenn Kairo mittlerweile etwas langsamer wächst als die übrigen Städte des Landes, hält der Trend zur Zentralisierung an. Die umliegenden Verwaltungsbezirke Giza und Qalyoubia ziehen noch immer Menschen aus Oberägypten an; ein Viertel der Menschen, die dort leben, ist von außerhalb gekommen. 40 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie und 46 Prozent der Jobs im Finanz- und Hotelwesen sind im Großraum Kairo konzentriert. Wer eine Steuerangelegenheit hat oder ein Zollpapier braucht, muss in die Hauptstadt reisen.

In den 80er-Jahren pflanzten die Planer zehn Satellitenstädte in die Wüste, um dem rasanten Zustrom Herr zu werden. Sie sollten rund zwei Millionen Bewohnern unterer Einkommensschichten ein neues Zuhause außerhalb des Zentrums bieten. Doch nach Angaben des Stadtplaners Abbas el Zafaarani von der Universität Kairo sind nur rund 200 000 Menschen eingezogen. Die „Satelliten“ sind reine „Schlafstädte“ für Männer, die in den nahen Industrien arbeiten. Weder wurden Jobs für Frauen geschaffen noch eine Infrastruktur mit Läden und Cafes. Weil die Planer verhindern wollten, dass die Bewohner nach Kairo fahren, gibt es auch kaum öffentliche Transportmittel. Die Familien sind deshalb lieber in ihren beengten Behausungen in Kairo geblieben, und nur die Männer, die Firmenbusse nutzen können, bleiben unter der Woche in den Satellitenstädten. Selbst die meisten der zwei Millionen Ägypter, die die historischen Friedhöfe Kairos besiedeln, ziehen das Leben im Mausoleum mit kleinem Vorhof einer Wohnung im Hochhaus in einer seelenlosen Satellitenstadt vor.

Mehr Erfolg haben die neuen Städte am Rand von Kairo, die seit den 90er-Jahren gebaut werden: Mit riesigen Villen, Gärten und großzügigen Straßenanlagen locken sie vor allem die Reichen aus dem Zentrum. Neu-Kairo ist eine solche Vorstadt, die im Osten entsteht. Um die Lage attraktiv zu machen, werden internationale Schulen und private Universitäten gebaut: Die German University Cairo hat dort ihren Campus, die American University will aus dem Stadtzentrum hierher ziehen. Die französische Supermarktkette Carrefour hat am Rand von Neu-Kairo ihre erste Filiale in Ägypten eröffnet und für Golfspieler steht der Qatamiya-Golfplatz bereit.

Die reiche Oberschicht nimmt das Konzept zwar an, doch sind ihre Familien nur klein. Drei statt acht Kinder sind hier die Regel. Mit ihrem Wegzug leert sich Kairo nicht spürbar. Hoda Edward, Mitarbeiterin des Zentrums für die Planung Groß-Kairos, spricht dennoch von kleinen Erfolgen: „Die neuen Städte werden langsam attraktiver, die informellen Wohnviertel weniger.“

60 Prozent der Hauptstädter leben in illegal erbauten Häusern, die oft auf landwirtschaftlicher Fläche errichtet wurden. Hier gibt es meist keine Wasserversorgung, Müllabfuhr oder andere staatliche Dienste. Viertel wie Manshiyet Nasser, wo 400 000 Menschen leben, sprießen zwischen den geplanten Stadtteilen aus dem Boden. So ist das Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Villenviertel Maadi von zwei planlos gewachsenen Armenvierteln umgeben – von Tora im Südosten und Ali Saleh im Norden. Doch trotz der oft unmittelbaren Nachbarschaft von Arm und Reich ist die Kriminalitätsrate gering. Es gibt in Kairo keine „No-Go-Areas“, wo man Angst vor Überfällen haben müsste.

Für die Autoren des Egypt Almanach, einer Fakten- und Zahlensammlung, sind die Grenzen des Wachstums in der Hauptstadt noch lange nicht erreicht. Sie sehen einen Großraum Kairo voraus, der weite Teile des Nildeltas einschließt. Eines Tages, so prophezeien Experten, könnten Kairo und Alexandria zu einer einzigen Metropole verschmelzen. Beide Städte sind rund 200 Kilometer voneinander entfernt.

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