Menschenrechtler festgenommen
Gedenken an Politkowskaja-Mord vor einem Jahr

dpa MOSKAU. Ein Jahr nach der Ermordung Anna Politkowskajas haben Menschenrechtler und Oppositionelle mit Gedenkveranstaltungen in Russland an die regierungskritische Journalistin erinnert.

Unter starkem Aufgebot der Sicherheitspolizei Omon versammelten sich in Moskau am Sonntag bei strömenden Regen je nach Quelle zwischen 500 und 2000 Menschen mit roten Nelken und Porträts der Kremlkritikerin zu einer Schweigeminute und politischen Kundgebung. Sie forderten Medien- und Meinungsfreiheit sowie eine objektive Aufklärung des Mordes vom 7. Oktober 2006, der weltweit Bestürzung ausgelöst hatte. Politkowskaja gehöre heute zu den größten „moralischen Autoritäten“ Russlands, sagte der beim Kreml in Ungnade gefallene frühere Regierungschef Michail Kasjanow.

Auch in St. Petersburg und anderen russischen Städten sowie im Ausland erinnerten Menschen der mit vielen Auszeichnungen geehrten Reporterin. Bei einer geplanten Konferenz zum Gedenken an die ermordete Journalistin in Nischni Nowgorod an der Wolga wurden am Samstag fünf ausländische Menschenrechtler, darunter auch eine Deutsche, vorübergehend festgenommen. Die EU-Bürger wurden wegen eines Vergehens gegen die Meldevorschriften verwarnt und nach mehreren Stunden wieder freigelassen.

Politikowskaja hatte sich vor allem durch ihre Berichterstattung über Mord, Entführungen und Folter in der von moskautreuen Kräften kontrollierten Teilrepublik Tschetschenien einen Namen gemacht. Politkowskajas Kollegen von der Zeitung „Nowaja Gaseta“ werfen der Justiz vor, die Ermittlungen in dem Mordfall zu behindern. Die Journalisten haben angekündigt, an diesem Montag die Ergebnisse ihrer eigenen Nachforschungen über die Identität der Täter zu veröffentlichen.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen verlangte eine Aufklärung ohne Rücksicht auf „mögliche Verstrickungen von Politik, Geheimdienst und Polizei“. „Die Ermittlungen gehen weiter und kommen gut voran“, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft nach Angaben der Agentur Itar-Tass am Sonntag. Nach Darstellung der Ermittler sitzen mehrere Verdächtige in Untersuchungshaft, unter ihnen tschetschenische Kriminelle und Politiker. Auch korrupte Mitarbeiter von Polizei und Geheimdienst sollen in den Mord verwickelt sein.

Im Zeichen Politkowskajas stand in diesem Jahr in Frankreich die Vergabe der Preise von Bayeux für die beste Kriegs- und Konfliktberichterstattung. Die französische Staatssekretärin für Menschenrechte Rama Yade legte in der Gedenkstätte für getötete Journalisten einen Kranz vor der Stele Politkowskajas nieder. In Berlin gedachten rund 60 Menschen vor der russischen Botschaft der getöteten Journalistin. Zu einer Mahnwache Unter den Linden hatten die Organisationen Reporter ohne Grenzen und Amnesty International aufgerufen.

In der vergangenen Woche hatte auch die Erich-Maria-Remarque- Gesellschaft den „unbestechlichen investigativen Einsatz“ Politkowskajas gewürdigt. Am 26. November wird Politkowskaja posthum an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität der Geschwister- Scholl-Preis für ihr Buch „Russisches Tagebuch“ zugesprochen.

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