Merkel bei Medwedjew
Höflichkeitsbesuch in Russland

Es ist kein Tag des Schlagabtauschs, eher ein Tag der warmen Worte: In Moskau traf Bundeskanzlerin Angela Merkel den alten und den neuen Präsidenten. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten betonte die Kanzlerin die ausgezeichneten Beziehungen beider Nationen – vor allem im wirtschaftlichen Sektor. Ein Höflichkeitsbesuch in Russland.

MOSKAU. Ein Abschied ist es nicht so recht: Als die Bundeskanzlerin am Wochenende in Wladimir Putins Residenz vor den Toren Moskaus eintrifft, nimmt sie ein tiefenentspannter Noch-Präsident in Empfang. Von Wehmut keine Spur. Die Chance, dass Angela Merkel ein weiteres Mal auf das in einem Birkenwäldchen gelegenen Anwesen kommt, sind groß: Putin wird seine Präsidentenresidenz behalten, wenn er ab Mai als Ministerpräsident weiter macht. Mit Putin, das weiß man auch in Berlin, ist in Russland weiter zu rechnen.

Es ist der Tag der Frau, einer in Russland exzessiv gefeierten Variante des Muttertags. Ob er denn seiner Gattin das Frühstück gemacht habe, scherzt die Kanzlerin vor dem Kamin. Nein, hat er nicht. Aber dafür frühstückt er ja mit ihr.

Es ist kein Tag des Schlagabtauschs, eher der warmen Worte für die ausgezeichneten Beziehungen – vor allem die wirtschaftlichen. Selbstverständlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, Kosovo, Nato-Erweiterung. Doch Putin, der Fragen nach diesen Themen sonst gern als Steilvorlage für Tiraden gegen den Westen nutzt, gibt sich moderat. Klar sei die Unabhängigkeit des Kosovo ein gefährlicher Präzedenzfall, aber wenn es für die Serben in Ordnung ginge, hätte auch Russland kein Problem mit der Anerkennung. Nato? Auch gefährlich, aber wenn sich die Menschen, nicht die Regierungen, in der Ukraine und Georgien für den Beitritt entscheiden, bitteschön.

In Zukunft werde sie wohl einen anderen Mann anrufen müssen, wenn sie mit dem russischen Präsidenten sprechen wolle, sagt die Kanzlerin auf der Pressekonferenz mit einem Seitenblick auf Putin. Und auch auf dem nächsten G8-Treffen in Japan, da werde er wohl nicht mehr dabei sein – physisch zumindest.

Wladimir Putin quittiert die Bemerkung mit einem kaum merklichen Nicken, um dann noch mal einen Flock einzuschlagen: Es gebe ja viele Leute, die sich auf den Tag freuten, an dem er nicht mehr für die russische Außenpolitik zuständig sei. Die sollten sich aber nicht täuschen, denn sein Nachfolger, der sei – im positiven Sinne – genau so ein russischer Nationalist wie er. Aber keine Sorge, Dmitrij Medwedjew werde auch die Chance haben, seine „liberalen Ansichten“ unter Beweis zu stellen.

Den trifft Kanzlerin als erste westliche Staatschefin nach seiner Wahl. Eine Residenz hat er noch nicht, also nutzt er ein Gästehaus der Präsidialadministration, ein Schloss aus dem 19. Jahrhundert unweit von Putins Anwesen. Merkel und Medwedjew haben sich bisher nur einmal gesehen, auf der Messe in Hannover – damals auf sein Betreiben hin. Doch warum nun die Eile der Kanzlerin?

Anders als die meisten seiner Amtskollegen macht Putin keine „Farewell Tournee“ – auch vom Ritt in den politischen Sonnenuntergang der Vortragsreisen kann bei ihm keine Rede sein. Deshalb lädt er Merkel nach Moskau ein. So die offizielle Version. Medwedjews Reden im Wahlkampf, bei denen er auch den Wunsch nach einer erneuerten Partnerschaft zum Westen geäußert hat, haben die Diplomaten aufmerksam registriert. Angesichts der Bedeutung Russlands für den deutschen Handel und die Energieversorgung will Merkel ihn dabei wohl beim Wort nehmen – und nicht lange damit warten.

Das Treffen mit Medwedjew verläuft entspannt. Es gibt wieder Blumen – und die Kanzlerin hofft, dass es auch mit ihm nicht schwerer werde als mit seinem Vorgänger. Medwedjew nimmt es locker, hört zu und macht sich Notizen. Sie reden über Wirtschaft und Persönliches, wie die Kanzlerin später berichtet. Klar auch: Die Kontroversen werden nicht sofort verschwinden. Seine „liberale Gesinnung“ muss Medwedjew erst beweisen. Es bleibt offenbar aber ein guter Eindruck – auf beiden Seiten.

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