Merkel bei Obama
Siegertyp trifft Siegerin

Wenn Angela Merkel heute in die USA reist, empfängt sie ein geschwächter Gastgeber. Präsident Barack Obamas Reformer-Elan scheint dahin. Und ihm drohen ärgerliche Wahlniederlagen.

ELIZABETH/WASHINGTON. Minutenlang steht Barack Obama im kühlen Nachtwind stramm und salutiert. So lange, bis jeder der 18 Särge an ihm vorbeigezogen ist, umgeladen von einem C17-Truppentransporter aus Afghanistan in weiße Lieferwagen. Jeder Sarg ist drapiert mit dem Sternenbanner, die letzte Ehrung. 887 Amerikaner sind nun insgesamt am Hindukusch gefallen.

Obamas Geste am Mittwoch vergangener Woche auf dem Luftwaffenstützpunkt in Dover, Delaware, war das erste Mal seit 18 Jahren, dass ein amerikanischer Präsident Gefallenen bei der Heimkehr öffentlich die Ehre erwies. 55 US-Bürger kamen im Oktober in Afghanistan um, der tödlichste Monat seit dem Beginn des Krieges gegen die Taliban vor acht Jahren.

Der Mann, der vor einem Jahr die Wahl auch mit dem Versprechen gewann, Amerikas Kriege zu beenden, muss bald vielleicht das Gegenteil tun und mehr Soldaten nach Afghanistan schicken. Weil er so zu retten hofft, was noch zu retten ist. Viele Parteifreunde Obamas entsetzt diese Logik. Genau so hatte Obamas Vorgänger George W. Bush 2007 die Offensive im Irak begründet.

Als die Särge vom Rollfeld gefahren werden, wendet sich Obama zum Gehen. Seine Gesichtszüge sind erstarrt. Als sein Helikopter wieder vor dem Weißen Haus in Washington landet, graut schon der Morgen.

Politisch in der Defensive, innerlich zerrissen, der Glanz des Wahlsieges verblasst: Das ist der Präsident, auf den Angela Merkel morgen früh um neun Uhr in Washington trifft. Da fährt die frisch wiedergewählte Kanzlerin am Weißen Haus vor, Obama wird ihre Hand schütteln und sie hineinführen in den Westflügel seines Amtssitzes. Zu Gast kommt die beste Partnerin, die Obama in Europa derzeit hat. Verlässlicher als Nicolas Sarkozy, der Irrwisch in Paris; gradliniger als Gordon Brown, der Nicht-mehr-lange-Premier in London.

Der morgige Dienstag könnte endlich wieder ein guter Tag werden für Obama. Doch ausgerechnet morgen droht das politische Kapital des Präsidenten weiter zu schmelzen.

Dienstag ist Wahltag in den USA. Eigentlich geht es nur um die Gouverneure in den Bundesstaaten Virginia und New Jersey. Doch die Wahlen gelten als Tests für Obama. Verlieren seine Demokraten, steigt der Druck auf den Präsidenten weiter an. Denn er wird es sein, dem man die Schuld gibt - schon weil er sich in beiden Wahlkämpfen persönlich engagiert hat.

Elizabeth, New Jersey, 20 Meilen westlich von Manhattan. Luftballons und Neonlicht: Der kleine Saal im portugiesischen Gemeindezentrum versprüht den Charme einer Turnhalle. Auf den Tischen liegen blaue Anstecker mit dem Namen des Mannes, der auf der Bühne Wahlkampf zu machen versucht: Jon Corzine, Multimillionär und Ex-Chef der Investmentbank Goldman Sachs.

Der 62-Jährige trägt seinen Vollbart lang und die Haare zerzaust, und selbst Sätze mit Ausrufezeichen am Ende klingen aus seinem Mund wie ein Analystenvortrag zum Anleihemarkt. "Verlieren die Demokraten ihren Halt? Sind sie immer noch stark? Wir müssen das richtige Signal senden!" sagt Corzine. Die 100 Anhänger, fast alles Frauen, klatschen verhalten. Sie wollen mitgerissen, zu Tränen gerührt werden, so wie von Barack Obama.

Doch seine Fans mitreißen, das gelingt Jon Corzine eigentlich nie.

"Corzine ist einfach kein Politiker", räumt einer seiner Unterstützer kopfschüttelnd ein. "Ihm zuzuhören ist, als würde man der Farbe an der Wand beim Trocknen zusehen."

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