Merkel bei Trump
Machtspielchen ohne Manieren

Donald Trump stellt beim Besuch der Bundeskanzlerin in Washington klar: Die Regeln macht der US-Präsident, nicht Berlin. Angela Merkels gute Miene ist nun wichtiger denn je. Ein Kommentar.
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Angela Merkel hat schon einige Machtspielchen hinter sich. Unvergessen der Moment, als Wladimir Putin bei einem ihrer ersten Treffen seine Labradorhündin Koni ins Zimmer rief. Medien sprachen anschließend von einem Demütigungsversuch des russischen Präsidenten: Schließlich ist bekannt, dass Merkel seit einem Hundebiss Angst vor Vierbeinern hat. Ausgerechnet die Kanzlerin selbst sah den Vorfall differenzierter. Sie tat Putins Gehabe als Fassade ab – und damit hatte es sich.

Nun ist Putin nicht mehr der einzige Politiker, der sich als Rüpel auf dem großen Schulhof der Weltpolitik inszeniert. Seit Donald Trump das Amt des US-Präsidenten übernommen hat, gehören Verstöße gegen Etiketten und Höflichkeit zur Tagesordnung im Weißen Haus. Auch wenn sich seine Vorwürfe am Ende als haltlos erweisen: Heute sagte beispielsweise FBI-Chef James Comney aus, dass es im Wahlkampf keine Abhöraktion gegen Trump gegeben habe. Am Wochenende hat Trump erneut bewiesen, dass er anderen gern das Leben schwermacht: Er begrüßte die Kanzlerin bei ihrem ersten Treffen zwar mit Handschlag, er verabschiedete sie mit Handschlag, doch als Journalisten im Oval Office ein Foto von den beiden Staatsoberhäuptern machen wollen und Merkel den US-Präsidenten nach einem Händedruck fragt, reagiert dieser nicht und starrt demonstrativ nach vorn. Der anschließende Gesichtsausdruck der Kanzlerin spricht Bände. Wenige Stunden später der nächste Aufreger: Trumps Finanzminister Steven Mnuchin verhindert in Baden-Baden, dass sich die G20-Staaten in ihrem Kommuniqué zum Freihandel bekennen, und kündigt damit einen Grundkonsens der Top-Wirtschaftsmächte auf. Die Botschaft ist dabei dieselbe wie bei dem ausbleibenden Händedruck: Wir sind Amerika, wir bestimmen die Spielregeln.

Blendet man das Machogehabe der US-Regierung für einen Moment aus, bleiben zwar viele inhaltliche Konflikte. Doch gab es am Wochenende auch Anzeichen für eine ernsthafte politische Zusammenarbeit. Merkel hat das verstanden und macht deshalb weiterhin gute Miene zu Trumps bösem Spiel. Sie ist nicht Europas Frontkämpferin, sondern politische Feuerwehrfrau. Denn der Blick hinter die Fassade ist das Wesen ihrer Staatskunst – und in der Ära Trump wichtiger denn je.

Michael Verfürden
Michael Verfürden
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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