Merkel, Draghi, Lagarde und Co.
Wer will was im Griechenland-Poker?

Showdown im Schuldenstreit: Bekommt Tsipras ein Reformpaket geschnürt? Gibt Merkel noch mehr Milliarden-Hilfen frei? Drückt Draghi weiter beide Augen zu? So sieht die Taktik der Hauptakteure im Griechenland-Drama aus.
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Es soll das Wochenende der Entscheidung werden. Bis spätestens Freitagfrüh muss das neue Angebot der griechischen Regierung vorliegen, das die Geldgeber anschließend prüfen. Am Samstag treffen sich die Euro-Finanzminister, am Sonntag wollen die Regierungschefs endgültig entscheiden, ob Griechenland ein drittes Rettungspaket erhält – oder es zum Grexit kommt. Eine Entscheidung soll fallen – so oder so. Doch mit welcher Taktik gehen die Hauptakteure in die entscheidenden Stunden? Das sind die Interessenskonflikte vor dem großen Finale.

1. Was will Angela Merkel?

Die Bundeskanzlerin steckt in einer schwierigen Lage. Sie kann am Sonntag eigentlich nur noch verlieren. Wenn es keine Einigung geben sollte und es tatsächlich zum Grexit kommt, wird alle Welt auf Angela Merkel zeigen. Der mächtigsten Frau Europas hätte es nicht geschafft, die Katastrophe zu verhindern. Schon jetzt werfen ihr viele Kommentatoren in den USA vor, die eigentlich Schuldige im Griechenland-Drama zu sein. Zudem wäre im Falle eines Grexits auch ein Großteil der Hilfskredite verloren, die Deutschland in den vergangenen fünf Jahren gewährt hat.

Auf der anderen Seite müsste die Kanzlerin der deutschen Öffentlichkeit bei einer Einigung erklären, dass man noch ein drittes Rettungsprogramm für Griechenland auflegt. Dem müsste auch der Bundestag zustimmen. Und gerade in der Unionsfraktion lehnen immer mehr Abgeordnete neue milliardenschwere Kredite ab. Von einer drohenden „Rebellion“ ist die Rede. Sollten zu viele Abgeordnete Merkel die Gefolgschaft verweigern, wäre die Kanzlerin beschädigt.

Um die Risiken zu minimieren, hat Merkel zwei Optionen: Sie wird versuchen, Tsipras ein hartes Reformpaket abzuringen. Das würde erstens den Finanzbedarf beim Rettungspaket verringern. Zudem könnte sie neue Hilfen leichter zu Hause verkaufen, wenn sie an strenge Bedingungen geknüpft sind. Sollte sich Tsipras darauf nicht einlassen und die Rettung scheitern, wird Merkel alles versuchen, die Schuld nach Athen zu schieben. Deshalb bemüht sie sich auch, dass alle Europäer geschlossen auftreten. Vor allem mit Frankreichs Präsident Francois Hollande sucht sie den Schulterschluss. So stünde sie am Ende nicht alleine da.

2. Was will Jean-Claude Juncker?

Der EU-Kommissionschef hat vor allem ein Ziel: Er will die EU zusammenhalten. Ein Grexit aber könnte am Ende auch zu einem EU-Austritt Griechenlands führen. Weil Juncker das um jeden Preis verhindern will, kam er Tsipras mehr entgegen als andere. Doch dafür wurde der Kommissionspräsident nicht belohnt. Im Gegenteil: Tsipras hetzte sein Volk trotzdem weiterhin gegen Brüssel. Juncker ist deshalb zutiefst enttäuscht von dem Griechen – und scheint sich mit dem Grexit langsam abzufinden.

Juncker wird aber weiterhin seine ganze Kraft darauf verwenden, Athen in der EU zu halten. Denn er will nicht als der Kommissionschef in die Geschichte eingehen, der den bislang einzigen Verlust eines EU-Mitgliedstaates zu verantworten hat.

3. Was will Christine Lagarde?

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzt in den Verhandlungen auf einen harten Kurs gegenüber Griechenland – aber auch gegenüber den übrigen Euro-Staaten. So fordert Lagarde nicht nur ambitionierte Reformen von Tsipras. Sie plädiert auch dafür, dass die Euro-Staaten Griechenland Schuldenerleichterungen gewähren. Sie sollen die Laufzeiten der bisher gewährten Hilfskredite deutlich strecken und die Zinsen senken.

Für den IWF ist es wichtig, dass die Schuldentragfähigkeit in Griechenland gewährleistet ist. Ansonsten dürfte sich der Währungsfonds nach seinen Regularien nicht an weiteren Hilfen beteiligten. Und Lagarde steht intern ohnehin unter Druck. Vor allem Schwellenländer wie Brasilien kritisieren den großen Rettungseinsatz in einem europäischen Industrieland. Deshalb macht Lagarde in den Verhandlungen in Brüssel deutlich: Die Griechen sollen Reformen liefern und die Euro-Staaten einen „Schuldenschnitt light“.

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Draghi, Hollande und Tsipras

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  • Falls Tsipras tatsächlich den Plan haben sollte, Griechenland aus dem Euro zu führen, muß er nur stur bleiben wie bisher, kann aber vor seinen Griechen alle "Schuld" an einem Grexit urückweisen, da er sich an das Ergebnis des Referendums gehalten hat.

    Zweite Variante, wenn Tsipras glaubt, er müsse sich nicht bewegen,weil Frau Merkel sich bewegen muss, um einen Grexit zu vermeiden, könnte diese Konstellation schnell zu einer Situation kommen, wo die "Situation" selber die entscheidende Rolle spielt und nicht mehr die Akteure.

    Das kann man auch poitische Depersonalisierung und Verantwortungsübergabe nennen, psychatrisch ein bedenklicher Zustand, in dem ganz andere "Kräfte" schließlich Entscheidungen erzwingen und zwar in ihrem Sinn.

  • Was will Mario Draghi?
    Er hat nur einen Auftraggeber: GS! Er will die Rettung denn darauf laufen gigantische Finanzwetten der Hedgefonds und Banke

  • rechtswidrig im Zusammenhang mit dem Euro? Wen stört das noch?

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