Merkel in Indien
Im Land der zwei Gesichter

Vier Tage lang hat Angela Merkel Indien besucht. Einen Großteil der Zeit verbrachte die Bundeskanzlerin damit, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der werdenden Weltmacht voran zu treiben. Doch zum Abschluss ihrer ersten Indien-Reise landet sie dort, wo das alles wenig zählt – und entdeckt die andere Seite des Boomlandes.

MUMBAI. Um die Brüche in einem Land zu spüren, braucht es manchmal nicht viel. Im indischen Mumbai (Bombay) reicht Angela Merkel dafür am Donnerstag sogar genau genommen eine einzige Fahrt zum Flughafen. Denn als die Bundeskanzlerin zum Ende ihres viertägigen Staatsbesuches vor dem prächtigen Taj-Mahal-Hotel in ihren Wagen steigt, um zurück zum Bundeswehr-Airbus zu fahren, beginnt für sie eine wahre Parade durch die sozialen Abstufungen in der 18-Millionen-Stadt.

Wie Zwiebelringe legen sich immer ärmere Wohngebiete um das wohlhabende Zentrum. „Ein Land voller Brüche und Widersprüche“, meint Merkel. Plötzlich ist die Tonlage anders als in Neu Delhi, wo sie vor allem die „strategische Partnerschaft“ mit Indien betont hatte, wo vor allem von dem „Boomland“ mit Wachstumsraten von 9 Prozent die Rede war.

Zwar ist Mumbai Sitz von 50 der 100 größten indischen Unternehmen und zweier brummender Börsen; und im Hotel hatte Merkel noch mit indischen Firmenchefs und Milliardären über Investitionsmöglichkeiten gesprochen. Doch nach kurzer Fahrt verschwinden jetzt auf der Fahrt zum Flughafen zuerst die Bürgersteige am Rand der Straßen, dann die halbwegs gepflegten Fassaden. Zwei Kilometer weiter weichen die letzten halbwegs repräsentablen Fassaden von Geschäfts- und Wohnhäusern dem Wildwuchs einstöckiger Bauten, die wenigen offenen Wasserstellen sind schwarz und müllübersät. Immer öfter füllen jetzt improvisierte Wellblechhütten die Lücken zwischen gemauerten Häusern. Und das letzte Stück zum Flugzeug führt Merkel dann an einer stacheldrahtgeschützte Mauer vorbei, die den Flughafen nur mühsam vor den überbordenden Slums der Stadt abschottet, in denen mittlerweile 60 Prozent der Bevölkerung leben.

Kein Wunder deshalb, dass die Kanzlerin sich zum Abschluss ihrer ersten Reise in das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt mit ganz anderen Schwerpunkte beschäftigte. „Mumbai ist typisch für die Probleme urbaner Regionen“, betont sie am Donnerstag morgen in der Universität Mumbai. Deshalb hatte sie sich entschieden, mit einer Rede die erste Preisvergabe des „Urban age awards“ der Deutschen Bank aufzuwerten – obwohl die meisten indischen Journalisten an dem Morgen wohl vor allem wegen des Auftritts der Bollywood-Starschauspielerin Shabana Azmi gekommen sind. „Doch von der richtigen Stadtentwicklung hängt auch die gesellschaftliche Stabilität ganzer Länder ab“, wirbt Merkel angesichts der rasanten Landflucht in den Schwellenländern wie Indien für eine stärkere Stadtplanung.

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