Merkel und Erdogan
Ein gewieftes Gespann

Der Türkei-Besuch wird sich für Kanzlerin Merkel bezahlt machen: Nur Ankara kann ihr dabei helfen, im kommenden Jahr wiedergewählt zu werden. Präsident Erdogan weiß um seinen Einfluss – und nutzt ihn für eigene Zwecke.

AnkaraDie Bundeskanzlerin ist noch nicht einmal gelandet, da bekommt sie schon die Tücken der Diplomatie zu spüren. Ihr Regierungsflieger muss eine Extra-Schleife drehen – weil die Maschine des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu zuerst landen soll.

Am Samstag besuchte die Bundeskanzlerin gemeinsam mit Davutoglu, EU-Ratspräsident Donald Tusk und Vize-Kommissionschef Frans Timmermans ein Flüchtlingsheim in der Nähe von Gaziantep, ganz im Süden der Türkei. In der Region leben etwa eine halbe Million Flüchtlinge – halb so viele wie in ganz Deutschland. Die Botschaft des gemeinsamen Ausfluges unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen: Die EU-Spitzen und Merkel als Mit-Initiatorin des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens sind solidarisch mit der Türkei.

Das ist aber nicht der einzige Grund für Merkel, ihr Wochenende zu opfern. Für sie dürften sich solche Auftritte langfristig bezahlt machen – vor allem, wenn im nächsten Jahr gewählt wird. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan weiß darum und nutzt seinen Einfluss auf die Kanzlerin regelmäßig aus, nicht nur im Fall Böhmermann. Auch ihm nützt die Kooperation, denn: Türken feiern ihn dafür, dass ihr Land endlich in der Weltpolitik angekommen ist. So unterschiedlich die beiden sind – sie profitieren voneinander.

Auf den ersten Blick ist Erdogan aus Sicher der Bundesregierung ein Störenfried. Da ist zum Beispiel der Fall der Dresdner Sinfoniker. Das Orchester beschwerte sich am Freitag darüber, dass türkische Behörden vor Druck auf das Ensemble und die Europäische Union ausübten, um die Erwähnung des Begriffs „Genozid“ bei den Aufführungen zu verhindern. Das Werk hatte 2015 in Berlin Premiere, ohne dass es für Ärger sorgte. Demnach forderte die türkische Botschaft bei der EU die EU-Kommission auf, Subventionen in Höhe von 200.000 Euro für das Projekt wieder einzukassieren. Zwar sei es bei der finanziellen Unterstützung geblieben, teilte Orchesterchef Markus Rindt mit. Die Kommission habe das Orchester jedoch gebeten, das Wort "Genozid" zu streichen.

Es gibt weitere Beispiele. Dem ARD-Korrespondenten Volker Schwenck wird die Einreise in die Türkei verwehrt; eine niederländische Journalistin ist am Wochenende verhaftet worden. Die Regierung geht erbittert gegen Kritiker vor, schließt Medienhäuser und stellt tausende Menschen wegen Beleidigung des Präsidenten vor Gericht. Rebellen der verbotenen PKK werden erbittert gejagt, anfangs sogar unter der Billigung ziviler Opfer.

Allein, das ist eine Politik, die offenbar ein Großteil der Türken begrüßt. Dieser Teil der Türken sieht die Vorteile in Erdogans Vorgehen. Die lauten: Er beschert den Türken womöglich bald Visafreiheit in die EU. Er holt Milliarden aus Brüssel, um Flüchtlinge zu versorgen. Er setzt alles in Bewegung, um dem Terror im eigenen Land Einhalt zu gebieten. Und am wichtigsten: Er hat dafür gesorgt, dass die Türkei in der Welt wieder ernst genommen wird. Bei der Lösung der großen Krisen in der Welt führt kein Weg mehr an der Türkei vorbei.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%