Merkel und Tsipras
Die Polit-Romanze

Die Schuldenkrise ist jetzt Chefsache: Angela Merkel und Alexis Tsipras beraten fast täglich wie Griechenland zu retten ist – dabei haben sie lange überhaupt nicht miteinander gesprochen. Wie aus Feinden Freunde wurden.
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AthenEs gab Zeiten, und sie sind noch gar nicht so lange her, da verlor Alexis Tsipras kein gutes Wort über Angela Merkel. Noch vor wenigen Monaten geißelte der damalige griechische Oppositionsführer die deutsche Kanzlerin als „gefährlichste Politikerin Europas“, die in Griechenland eine „humanitäre Katastrophe angerichtet“ habe und „mit dem Leben der europäischen Völker Poker spielt.“

So etwas würde ihm heute als Premier nicht mehr über die Lippen kommen. Elogen gibt Tsipras zwar zu Merkel nicht von sich. Aber wie er strahlt, wenn ihn die Kanzlerin zu einem ihrer jüngst immer häufigeren Tête-à-Tête begrüßt – das sagt mehr als tausend Worte.

Beinahe täglich beraten die beiden, wie die Schuldenkrise noch zu lösen und ein Grexit zu vermeiden ist. Zwar wird auch die Bundesregierung einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion im Blick haben, die Kanzlerin betont dennoch regelmäßig, dass sie die Griechen „im Euro-Raum behalten“ will.

Dabei haben die beiden lange gebraucht, bis sie überhaupt miteinander sprachen. Als Merkel im April 2014 nach Athen kam, um den damaligen Regierungschef Antonis Samaras zu besuchen, rief Tsipras zu Massendemonstrationen gegen die Kanzlerin auf und drohte: „Wir werden ihr einen angemessenen Empfang bereiten!“

Die griechischen Reparationsforderungen an Deutschland waren schon damals eines der Lieblingsthemen von Alexis Tsipras: „Schluss mit den Höflichkeiten, Frau Merkel, die Stunde der Abrechnung ist gekommen“, rief er bei einer Parteiversammlung.

Tsipras scheute als Oppositionschef auch historisch gewagte Vergleiche nicht: Merkel überziehe Europa mit einem „sozialen Holocaust“ und wolle aus Griechenland „eine deutsche Kolonie“ machen. Die deutsche Kanzlerin, so Tsipras, sei „die Sponsorin der Euro-Skepsis und der neonazistischen Bedrohung“.

Das war 2012, als die Krise in Griechenland ihren Höhepunkt erreichte. Die deutsche Kanzlerin war damals in Hellas die unbeliebteste Politikerin: Fast 84 Prozent der Griechen, so eine Umfrage, hatten eine schlechte Meinung von Merkel. Viele warfen der „eisernen Kanzlerin“ vor, sie habe mit ihrem anfänglichen Zögern bei den Hilfskrediten das Land erst richtig in die Krise gestürzt und treibe nun die Menschen mit immer neuen Spardiktaten noch tiefer ins Elend.

„Es muss weh tun“, habe ihm die Kanzlerin 2010 in den ersten Verhandlungen über das Rettungsprogramm gesagt, berichtete später der damalige Regierungschef Giorgos Papandreou. Ob das nun stimmt oder nicht, es bestätigte jedenfalls den von vielen Griechen gehegten Verdacht, die hartherzige Merkel wolle sie bestrafen.

Die deutsche Bundeskanzlerin war damals, als es in Athen und anderen griechischen Städten fast täglich Massenproteste gegen den Sparkurs gaben, ein ständiger, unfreiwilliger Gast bei den Kundgebungen: Auf Plakaten zeigten Demonstranten Merkel mit Hitler-Bärtchen und in SS-Uniform.

Mehr als einmal gingen Merkel-Puppen auch in Flammen auf. Am lautesten johlten dann die Anhänger von Tsipras‘ Linksbündnis Syriza. Griechische Karikaturisten zeichneten die Kanzlerin als sadistische Zuchtmeisterin, als blutsaugenden Vampir und als Zirkusdompteuse, die mit geschwungener Peitsche griechische Rentner zum Sprung durch einen brennenden Reifen antrieb – mitsamt ihrem Rollator.

Tsipras instrumentalisierte damals die anti-deutsche Stimmung. Seine Amtsvorgänger Samaras und dessen Minister verhöhnte er als „Merkelisten“, die Berliner Direktiven umsetzten. Tsipras sprach in jenen Jahren von der Kanzlerin genüsslich als „Madame“ Merkel – das französische Wort assoziiert man in Griechenland gern mit der Rotlichtszene.

Kommentare zu " Merkel und Tsipras: Die Polit-Romanze"

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  • Alexis, wir sind doch so gute Freunde, machst du mir jetzt auch ein Baby?

  • Die Tragik Deutschlands ist es, dass es nicht das erste Mal ist, dass es von der eigenen politischen Führung verschaukelt wird.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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