Merkels Besuch in China
„Pflaumenblüte“ auf Reisen

Es ist nicht gerade ein Kompliment, das die Chinesen der deutschen Kanzlerin machen: schweigsam, verhuscht, unkommunikativ – dafür stehen die Schriftzeichen, die chinesische Zeitungen für den Namen „Merkel“ ausgesucht haben. „Mo-Ke-Er“ werden sie ausgesprochen. Keine besonders glückliche Wahl, meinen die Menschen in Peking und diskutieren inzwischen seit Wochen: Sollte man nicht eine freundlichere Übersetzung wählen? Eine andere Schreibweise des Namens, die einige Zeitungen bevorzugen, würde die Bundeskanzlerin fast poetisch als „Pflaumenblüte“ preisen.

Angela Merkels Besuch in China ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Und selbst wenn heute das offizielle Programm beginnt, sind sie noch längst nicht alle aus dem Weg geräumt. Bis zur letzten Minute bereitet die Kurzvisite der Kanzlerin im Reich der Mitte dem chinesischen Protokoll und den deutschen Diplomaten, die die Reise vorbereiten, Kopfzerbrechen – deutlich mehr als sonst bei solchen Ereignissen üblich, klagt zumindest die deutsche Seite: „Denn in China bleibt wirklich alles bis zur allerletzten Minute offen.“ Mehrere Male musste daher der Ablauf der Merkel-Reise geändert werden. Noch am Wochenende wurde an den Details gebastelt, bis Freitag war das Programm der mitreisenden Minister Michael Glos (Wirtschaft) und Wolfgang Tiefensee (Verkehr) völlig unklar. Auch Konzerne wie BASF, Thyssen oder Siemens pokerten noch am gestrigen Sonntag um die erhofften lukrativen China-Geschäfte.

Ob nun die lang ersehnte Verlängerung der Transrapid-Strecke von Schanghai bis Hangzhou in einer der roten Ledermappen steckt, die in der Großen Halle des Volkes, gleich am Platz des Himmlischen Friedens, heute zur Unterschrift bereit liegen? Am Wochenende waren dort die Blumengestecke und Tischfahnen bereits korrekt angeordnet, ebenso wie Schreibblock und Mikrofon, Messing und Marmor auf Hochglanz poliert. Alles umgeben von sozialistischem Bruderschaftsflair. Dort werden heute Minister, Manager und Merkel im Minutentakt zur Unterschrift antreten. Rote Ledermappe, Unterschrift, Beifall. Rote Ledermappe, Unterschrift, Beifall.

Rund zehn Großaufträge winken diesmal der deutschen Wirtschaft im Saal „Hebei“. Da bleibt der Kanzlerin zwischendurch nur ein kurzer Blick auf das mächtige Wandgemälde von der Chinesischen Mauer – sozusagen als Erinnerung an Chinas Kultur. Mehr als das Bild wird Merkel davon nicht zu sehen bekommen. Zu eng ist der Zeitplan, zu kurz fällt ihr Besuch in Peking aus, um die Chinesische Mauer oder die Verbotene Stadt zu besichtigen.

Zu den konkreten Aufträgen wollen sich die Unternehmen bislang nicht äußern, zum Volumen schon einmal gar nicht. Sie können es meist auch nicht. Denn oft werden in China gleich mehrere unterschiedliche Auftragsversionen ausgehandelt, erzählt ein deutscher Manager. „Wir wissen dann in der Halle des Volkes noch nicht, welches Volumen wir in den nächsten Minuten unterschreiben werden – klein, mittel oder vielleicht doch groß.“

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