Merkels Empfang in Brasilien
„Nennen Sie mich Scheich!“

Der Besuch von Angela Merkel in Brasilien schlägt in dem größten Land Südamerikas nur niedrige Wellen. Einzig die deutsche Diskussion um die Beimischung des Biospritanteils im Benzin erhitzt die Gemüter. Ansonsten sorgen eher die Entgleisungen von Präsident Lula beim Empfang der Kanzlerin für Aufsehen.

DÜSSELDORF. Das Thema Biosprit beherrscht die Gespräche zwischen Kanzlerin Merkel und Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva. Am heutigen Donnerstag besichtigt Merkel zum Abschluss ihres Aufenthalts in Brasilien das VW-Werk in Sao Paulo. Dort werden bereits Wagen produziert, deren Motoren jede bekannte Bioethanol-Benzin-Mischung vertragen.

Ziel Brasiliens ist es, größter Hersteller von Biosprit zu werden. Derzeit liegt das Land auf Platz zwei hinter den USA.

Doch mit den Deutschen gibt es Streit. Merkel wirbt dafür, dass der Anbau von Biosprit nicht auf Kosten weiterer Rodungen des für das Weltklima wichtigen Regenwaldes im Amazonas geht. Die Kanzlerin fordert von Brasilien mehr Anstrengungen für eine umweltschonende Produktion von Biosprit.

Für diesen Standpunkt zeigen die Brasilianer wenig Verständnis. „Wenn es der Menschheit so wichtig ist, dass wir den Urwald erhalten, dann muss die Menschheit verstehen, dass es etwas kostet“, lautet der Tenor in den Zeitungskommentaren. Brasilien wird seine Interessen im Bioethanol-Bereich weiter vehement vertreten, heißt es.

Auch die die Kehrtwende der Bundesregierung bei der Beimischung des Biospritanteils im Benzin erhitzt die Gemüter. Von einer „rein wahltaktischen Entscheidung“ ist die Rede. Die technischen Probleme dienten der deutschen Regierung lediglich als Vorwand, kritisiert auch das brasilianische » Außenministerium. Hintergrund: Wegen drohender Mehrkosten für Millionen Autofahrer hatte Deutschland die Verdopplung des Bioethanol-Beimischungsanteils für Benzin auf 10 Prozent für 2009 gestoppt.

Die Sensibilitäten sind in Brasilien nicht nur wegen der Zurückhaltung der Deutschen bei der Biospritbeimischung groß. Dass Kanzlerin Merkel nicht einmal 48 Stunden in Brasilien weilt und nur ein diplomatisches Pflichtprogramm abspult, enttäuscht die Brasilianer. Zudem hat sich die deutsche Regierung in den vergangenen Jahre eher den asiatischen und osteuropäischen Märkten zugewandt. „Ich verstehe, dass sich die Deutschen nach dem Mauerfall vor allem dem Osten zugewandt haben“, betont Lula gegenüber der Kanzlerin. „Aber jetzt sollten sie sich wieder mehr nach Brasilien und Südamerika orientieren. Sie sollten mal überlegen, welches Potenzial diese Region in den nächsten 10 bis 15 Jahren hat.“

Die Rückkehr der deutschen Politik nach Brasilien versieht der Präsident so mit dem einen oder anderen Seitenhieb. Lula lobt sein Land und die Entwicklung des Kontinents. Die jüngsten Ölfunde vor der brasilinaischen Küste verleiten den Präsidenten gegenüber der deutschen Presse gar zu der ein oder anderen Überschwänglichkeit: „Wenn Sie in zwei Jahren zurückkommen, dann nennen Sie mich nicht Präsident Brasiliens, sondern Scheich“, witzelt Lula.

„Die deutsche Hauptstadt Bonn“

Für größeres Aufsehen sorgt indes ein peinlicher Fauxpax Lulas: In Anwesenheit der Kanzlerin spricht er wiederholt von der deutschen Hauptstadt Bonn. Merkel übergeht den Fehler freundlich. Die renommierte Zeitung » „Folha de Sao Paulo“ nimmt die Unwissenheit des Präsidenten indes gleich zum Anlass für eine kleine Nachhilfestunde in Sachen deutscher Geschichte.

Die kann auch Venezuales Staatspräsident Hugo Chávez gebrauchen, der sich weiter bitter über die Behandlung durch die Kanzlerin beschwert. Merkel bewerfe ihn grundlos „mit Steinen“, klagt der Linksnationalist. Chávez sagt, er habe das Thema am Mittwoch in einem Telefonat mit Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva angesprochen. „Er (Lula) hat mir gesagt, dass er gleich die deutsche Bundeskanzlerin empfangen werde. Und ich sagte: „Grüße sie bitte von mir“. Sie kommt hierher und wirft mit Steinen, ich kenne die Gründe nicht, weshalb einige europäische Staatschefs hierherkommen, um sich mit uns zu treffen, und schon vor ihrer Ankunft Steine werfen“.

Chávez hatte Merkel am Sonntag in die Nähe Adolf Hitlers gerückt. Sie gehöre der politischen Rechten an, „der selben Rechten, die Hitler, die den Faschismus unterstützt hat“.

Weitere Stationen Merkels nach Brasilien sind Peru, Kolumbien und Mexiko. Es ist die erste große Lateinamerika-Reise eines deutschen Regierungschefs seit sechs Jahren. Zuletzt war Gerhard Schröder 2002 in Brasilien, Argentinien und Mexiko.

Merkel will mit ihrer längsten Auslandsreise - sie dauert immerhin sieben Tage - die Erinnerung an den Subkontinent, an das alte Band zwischen Europa und dem ebenfalls christlich geprägten Lateinamerika wieder auffrischen. „Die Länder Lateinamerikas sind wichtige politische und wirtschaftliche Partner bei der Gestaltung der globalen Ordnung“, sagt sie.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%