Metall-Präsident über TTIP
„Das Lohnniveau ist deutlich überzogen“

Der Protest gegen TTIP ist riesig. Für die Metallbranche sieht Rainer Dulger, Präsident des Verbands Gesamtmetall, jedoch Vorteile. Im Interview kritisiert er die „kurzsichtige Fundamentalopposition“ – und zu hohe Löhne.

Ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Umwelt-, Sozial- und Kulturorganisationen will an diesem Samstag in Berlin mehr als 50.000 Demonstranten gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP mobilisieren. Die Befürworter des Abkommens haben es deutlich schwerer, ihre Stimme zu erheben, bedauert Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und geschäftsführender Gesellschafter des Heidelberger Pumpenherstellers Prominent. Mit den Handelsblatt-Redakteuren Thomas Tuma und Frank Specht sprach der 51-Jährige über seine Erwartungen an Wirtschaftsminister Gabriel, Illusionen der Gewerkschaften und Nachtzuschläge für Telefonate mit dem Smartphone.

Herr Dulger, der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften unterstützen den Aufruf zur Anti-TTIP-Demo auf. Sägen die Arbeitnehmer auf dem Ast, auf dem sie sitzen?
Die Fundamentalablehnung ist kurzsichtig. Besser wäre es zu sagen, ein Handelsabkommen ist für unsere Industrie gut und wichtig, aber wir haben noch erhebliche Differenzen im Detail. Das ist etwas anderes als zu sagen, wenn ihr bestimmte Sozialstandards nicht erfüllt, bekommt ihr unsere Unterstützung nicht.

Warum ist TTIP so wichtig?
Die bestehenden Handelshemmnisse kosten unsere Industrie jedes Jahr Milliarden. Um das amerikanische Pendant U.L. zu unserem CE-Zeichen zu bekommen, müssen wir in Amerika Ingenieure einstellen, um dort lokal die Zulassung zu erwirken. Oder nehmen Sie unsere Autobauer. Auch unsere kleinen Autos ließen sich in den USA gut verkaufen, weil die Amerikaner inzwischen auch solche Autos schätzen gelernt haben. Aber die Zulassung für den US-Markt kosten unsere Unternehmen Unsummen.

Warum gelingt es der Wirtschaft nicht, die Skepsis der Bevölkerung zu überwinden?
Das frage ich mich auch. Es ist schon so, dass die Gegner eine größere Öffentlichkeit haben als die Befürworter, man denke nur an das völlig absurde Beispiel der Chlorhühnchen. Aber ich wünsche mir, dass Wirtschaftsminister Gabriel und die gesamte Bundesregierung weiter fest zu TTIP stehen und das auch kommunizieren.

Die Gewerkschaften sind vor allem gegen TTIP, weil die USA nicht alle Kernarbeitsnormen der ILO ratifiziert haben. Eine davon ist die Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen…
Hand aufs Herz. Die amerikanische Demokratie funktioniert und die Arbeitsschutzgesetze sind dort mindestens so streng wie bei uns. US-Gewerkschaften funktionieren anders, aber sie funktionieren. Die US-Arbeitswelt kennt keine Tarifautonomie und ein anderes Tarifrecht, und außerdem seit jeher Mindestlöhne und gesetzliche Vorschriften. Wir wollen den Amerikanern unser Tarifsystem in Europa immer als besser verkaufen, aber denken Sie mal daran, was französische Gewerkschaften mit Managern getan haben. Sie haben sie in den Betrieben eingesperrt. Und das wollen Sie den Amerikanern als Vorbild verkaufen? Da finden die ja vor Lachen nicht mehr in den Schlaf.

Konflikte mit den Gewerkschaften sind auch beim Thema Arbeitszeit programmiert. Wollen Sie den Acht-Stunden-Tag schleifen?
Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht um die Frage, ob das Arbeitszeitgesetz und unsere Manteltarifverträge noch zeitgemäß sind. In der Zeit von Tablet und Smartphone haben wir Regeln aus der Zeit von Telex und Wählscheibe. Wir wollen nicht die mit den Gewerkschaften vereinbarten Arbeitszeiten schleifen. Aber wir müssen flexibler werden.

Wie zum Beispiel?
Unser Mitarbeiter für das Asiengeschäft kommt vielleicht gerne etwas früher ins Büro, weil er seine Gesprächspartner nur bis ein Uhr mittags erreicht. Beim Mann für das Amerika-Geschäft reicht es dagegen, wenn er um eins kommt, dafür wird er vielleicht auch bis 22 Uhr noch angerufen. Jetzt stecken wir das in das deutsche Von-neun-bis-fünf-Korsett, das passt nicht. Wenn der „Amerikaner“ um eins kommt und um sechs wieder geht, um seine Kinder ins Bett zu bringen und danach zu Hause noch ein bisschen arbeitet – gerne. Aber wir wollen dafür keine Nachtzuschläge zahlen.

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„Ich sage: Finger weg von den Werkverträgen!“

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