Mexiko droht den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu verlieren. Experten warnen vor zunehmender Macht der Rauschgiftkartelle. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommen aus Mexiko.
Schlag gegen den Drogenschmuggel: Sichergestelltes Kokain an der amerikanischen Küste. Foto: Reuters
MEXIKO-STADT. Mexiko droht zunehmend, im Drogensumpf zu versinken. Die Rauschgiftkartelle sind nach Ansicht eines staatlichen Sicherheitsexperten im Begriff, "die Macht im Land zu übernehmen". Der scheidende Direktor des Zentrums für Nationale Sicherheit (Cisen), Guillermo Valdés, warnte davor, dass die demokratische Stabilität in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas ernsthaft bedroht sei. Die mächtigen Kartelle hätten lange schon Polizei, Justiz und Regierungsstellen unterwandert, sagte Valdés der britischen Tageszeitung "Financial Times".
"Wir können nicht ausschließen, dass Abgeordnete ihren Wahlkampf mit Drogengeld finanziert haben", sagte Valdés. Er ist der erste staatliche Sicherheitsexperte, der die Macht der Rauschgiftmafia so dramatisch einschätzt. Politische Beobachter und unabhängige Sicherheitsexperten hatten schon lange davor gewarnt, dass Mexiko Gefahr läuft, den Kampf gegen die Kartelle zu verlieren, und fordern eine umfassende Strategie.
Vier große Mafiaorganisationen kämpfen in Mexiko untereinander und gegen den Staat um die profitablen Transitrouten vor allem für Kokain in die USA. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko das bedeutendste Drehkreuz für Rauschgift mit dem Ziel Vereinigte Staaten. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommen über Mexiko ins Land. Zudem versorgen die Kartelle den US-Markt mit neun Mill. Tonnen Marihuana, 17 Tonnen Heroin und einer unbekannten Menge synthetischer Drogen. Erst vergangene Woche brachte die mexikanische Marine im Pazifik vor der Küste des Bundesstaates Oaxaca ein U-Boot auf, das zehn Tonnen Kokain aus Kolumbien transportierte.
Der konservative Präsident Felipe Calderón setzt dagegen vor allem auf einen massiven Einsatz von Sicherheitskräften. Inzwischen sind 36 000 Soldaten und Bundespolizisten in den am stärksten unter der Drogenkriminalität leidenden Regionen stationiert, die meisten davon in den Bundesstaaten im Norden Mexikos und entlang der 3 200 Kilometer langen Grenze zu den USA. Nach Regierungsangaben investiert Mexiko jährlich 3,9 Mrd. US-Dollar in den Kampf gegen Drogenhandel. Hinzu kommen ab jetzt noch 465 Mill. Dollar aus den USA, mit denen Washington im Rahmen der sogenannten Merida-Initiative Mexiko mit Logistik und bei der Fortbildung der Drogenfahnder unterstützt.
Seit die Regierung so einseitig auf Härte gegen die Kartelle setzt, ist die Zahl der Todesopfer deutlich angestiegen. Mexikanische Medien berichten, dass seit Jahresbeginn mehr als 2 000 Menschen im Kampf der Kartelle untereinander sowie im Kampf der Drogenmafia mit der Polizei getötet wurden. Immer öfter sterben dabei auch unbeteiligte Zivilisten, die bei stundenlangen Schießereien oder Überfällen auf Nachtclubs und Restaurants zwischen die Fronten geraten. Seit Calderón dem organisierten Verbrechen bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den Krieg erklärt hat, zählt das Land über 4 000 Tote der Drogengewalt.
Auch deshalb fordern Experten die Regierung zum Umdenken auf. Der Kampf gegen die Mafias sei nur mit militärischer Härte nicht zu gewinnen, warnt Edgardo Buscaglia, Uno-Berater für organisiertes Verbrechen. Die organisierte Kriminalität habe in Mexiko solche Ausmaße angenommen, weil der Staat schwach sei und "explizite oder taktische Allianzen" zwischen Politik, Unternehmern und dem Verbrechen existierten. In manchen Bundesstaaten stecke in mehr als der Hälfte der Firmen Drogengeld, schätzt Buscaglia.
Der Staat müsse nicht nur die bewaffneten Arme der Kartelle und ihre Chefs ins Visier nehmen, sondern auch die Finanznetze zerstören sowie die Korruption in Politik, Justiz und Polizei unterbinden. Doch gerade hier tue die Regierung zu wenig. Weder würden die Finanzstrukturen der Kartelle, noch die Korruption entscheidend bekämpft, mahnt der Uno-Experte.


