Mexiko
Warum sich der Drogenkrieg ausweitet

"Räuchert der Kammerjäger das Haus aus, ziehen die Kakerlaken einfach ein Haus weiter". Weil die mexikanischen Behörden gegen sie ermittelten, haben sich rund Tausend Kriminelle eine neue Heimat gesucht. Über Nacht wurde Chihuahua, Hauptstadt des größten mexikanischen Bundesstaates, zum Kampfplatz im Krieg der Kartelle. Die Regierung ist überfordert.

CHIHUAHUA. Mario Salgado formt Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole. "Pum, pum, pum", macht er - und dann führt er seine Bürste wieder mit Schwung über die Schuhe eines Kunden. "Sechs, sieben, acht Tote haben wir hier jeden Tag." Salgado, grauer Kinnbart, Baseballmütze und blaue Schürze über dem runden Bauch, ist 52 Jahre alt. Mehr als die Hälfte seines Lebens putzt er Schuhe an der Plaza de Armas, dem Hauptplatz von Chihuahua. "Aber diese Gewalt ist völlig neu", fährt er fort. "Da", sagt er und deutet mit der Schuhbürste auf die Kreuzung vor dem Rathaus: "Da haben neulich zwei auf einem Moped am helllichten Tag einen Passanten umgelegt: Pum, pum, pum."

Es ist Sonntagmittag, Ende März. Die Sonne scheint über der Plaza de Armas, Männer mit Cowboyhüten strömen mit ihren Familien zur Messe in die Kathedrale, im Pavillon spielt ein Jugendorchester zum Platzkonzert auf. Wenige Stunden später zerren ein paar Kilometer von der Sonntagsidylle entfernt Auftragsmörder vier Jugendliche in Shirt und Bermudas an einer Tankstelle aus ihrem Auto, zwingen sie auf die Knie und richten sie mit mehreren Salven aus Sturmgewehren hin. Als die Täter lange verschwunden sind, kommen 50 Polizeistreifen zum Tatort. Sie können nur noch Hunderte Patronenhülsen sicherstellen. Am nächsten Tag werden die Zeitungen von 18 Toten im Drogenkrieg berichten und dem blutigsten Wochenende in der Geschichte der Stadt. Vorerst.

Denn Chihuahua ist erst seit Anfang März Kampfzone. Die Hauptstadt des größten mexikanischen Bundesstaates im hohen Norden mit gleichem Namen wurde praktisch über Nacht zum Hotspot im Krieg der Kartelle untereinander und gegen den Staat.

Es begann, als Präsident Felipe Calderón kurz zuvor fast zehntausend Soldaten und Bundespolizisten in der Grenzstadt Ciudad Juárez, 400 Kilometer nördlich von Chihuahua, entsandte. Juárez, das dem texanischen El Paso gegenüberliegt, war mehr als ein Jahr lang Hauptfront im verbissenen Kampf der Kartelle um Märkte, Macht und Moneten. 1 900 Menschen wurden zwischen Januar 2008 und Ende Februar 2009 in der windigen Wüstenstadt erschossen, geköpft oder auf dem Müll verbrannt, was rund einem Drittel aller Morde in Mexiko entsprach. Calderón wusste sich nur noch mit der Besetzung der Stadt durch die Truppen zu helfen.

Es zeigte einen trügerischen Erfolg, denn die Kartelle stellten in Juárez zwar umgehend das Morden ein, ließen ihre Privatarmeen aber an anderen Orten des Bundesstaates aufmarschieren. Und so stiegen vor allem in der 800 000-Einwohner-Stadt Chihuahua die Morde sprunghaft an. 60 Tote zählte die Staatsanwaltschaft allein im März.

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