Michael Bloomberg führt New York wie ein Unternehmenschef
„Ich mag keine Politik“

Wie ein Kapitän auf der Brücke steht Michael Bloomberg vor den Kameras. Kerzengerade, seinen Blick fest nach vorn gerichtet. Das Gesicht des New Yorker Bürgermeisters verrät keine Regung. Scheinbar unberührt lässt er während der TV-Debatte zur Bürgermeisterwahl am nächsten Dienstag die Attacken seines Herausforderers über sich ergehen.

HB NEW YORK.Von den zahlreichen Studienabbrechern an den High Schools über die Fahrpreiserhöhungen für die U-Bahn bis hin zur Unterstützung für Präsident Bush und den Irak-Krieg – Fernando Ferrer wirft Bloomberg so ziemlich alles an den Kopf, womit man im liberalen New York Punkte sammeln kann. „Mike Bloomberg glaubt, alles läuft prima in unserer Stadt. Für einige stimmt das auch, doch für Millionen andere sieht das anders aus“, sagt der Mann mit puertoricanischer Abstammung.

So sehr sich Ferrer auch bemüht, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, hat er gegen den Milliardär und Unternehmer Bloomberg keine Chance. 30 Prozentpunkte Vorsprung hat der 63-jährige Amtsinhaber in den Umfragen. Mehr als 63 Mill. Dollar hat er für seine Wiederwahl ausgegeben und damit den Herausforderer um das Zehnfache übertroffen.

Wichtiger jedoch ist, dass die meisten New Yorker ganz zufrieden sind mit Bloomberg. So zufrieden, dass selbst die liberale New York Times für seine Wiederwahl plädiert. Dass Bloomberg in der demokratischen Hochburg als Republikaner das falsche Parteibuch hat, nimmt man ihm nicht allzu übel. Ist der Bürgermeister doch in den politischen Grundsatzfragen wie der Todesstrafe und der Schwulenehe so liberal, dass seine konservativen Parteigenossen in Washington lieber auf Distanz zu ihm bleiben und Demokraten wie Ex-Präsident Bill Clinton seine Nähe nicht scheuen.

Dem Selfmade-Mann Bloomberg ist das offenbar egal. Er ist weder fi-nanziell noch politisch auf die Un-terstützung seiner Partei angewiesen. Ganz im Gegenteil. Die politischen Ränkespiele sind ihm zuwider. „Ich liebe es zu regieren, ich mag keine Politik“, sagte er in einem Interview. So spricht der Unternehmer, der den Informationskonzern Bloomberg aus dem Nichts aufgebaut hatte und der seit vier Jahren die Millionenstadt New York wie einen Konzern leitet.

Kaum gewählt – im November 2001– ließ Bloomberg das Rathaus nahe der Brooklyn Bridge in Lower Manhattan nach seinen Bedürfnissen umbauen. Nach dem Vorbild der großen Handelsräume an der Wall Street schuf er ein riesiges Großraumbüro und stellte seinen Schreibtisch direkt in die Mitte. Um ihn herum gruppieren sich seine engsten Mitarbeiter, mit denen er auf Zuruf kommuniziert. Seine Ressortchefs hat er nicht nach politischen, sondern nach fachlichen Erwägungen ausgesucht. Ausgestattet mit viel Handlungsfreiheit haben sie dafür zu sorgen, dass die von Bloomberg gesetzten Ziele erreicht werden.

Der Erfolg gibt Bloomberg Recht. Die Kriminalität ist sogar noch unter das von seinem berühmt-berüchtigen Vorgänger Rudi Giuliani erreichte Niveau gesunken. Die Testergebnisse der öffentlichen Schulen haben sich verbessert. Die Arbeitslosigkeit, die nach dem 11. September 2001 in die Höhe geschnellt war, ist wieder gesunken. Eine Haushaltskrise hat Bloomberg mit einer massiven Erhöhung der Grundstückssteuern zunächst abgewendet – auch wenn er dafür ein Wahlversprechen brechen musste. Das hat ihm viel Kritik eingetragen. Gegen solche Angriffe schützt sich Bloomberg durch seine Unabhängigkeit. „Die meisten gewählten Politiker sind auf Hilfe angewiesen und deshalb offen für Druck von außen“, sagt er, „ich bin niemandem verpflichtet, ich habe von niemandem Geld genommen.“ Eine Haltung, die in New York gut ankommt.

So wehrt Bloomberg an diesem Abend auch die verzweifelten Angriffe seines Herausforderer im Stile eines erfolgreichen Managers ab: „Er klagt ständig, ohne selbst eine Lösung vorzuschlagen.“ Die einzige Frage, mit der Ferrer den Amtsinhaber in Verlegenheit hätte bringen können, bleibt ungestellt. Würde Bloomberg den in New York so ungeliebten Präsidenten Bush wieder seine Stimme geben?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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