Migrantenarbeiter in den Golfstaaten
Rechtlos in der Glitzerwelt

Schläge, Misshandlungen, Arbeiten bis zum Umfallen: Im Umgang mit ihren Migrantenarbeitern zeigen die Golfstaaten die Kehrseite ihrer glitzernden Fassaden. Trotz der WM 2022 in Katar gibt es nur minimale Fortschritte.
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Doha/KairoVictoria war durchaus zufrieden mit ihrer Arbeit, als sie im August 2012 in Katar ankam. Zwar musste die junge Philippinin regelmäßig von fünf Uhr früh bis 20 Uhr spät putzen, kochen und waschen. Freitags aber hatte sie frei. Da konnte nach Doha in die Shopping Malls.

Pünktlich und ohne Abzug erhielt sie ihr vereinbartes Gehalt von umgerechnet 220 Euro ausgezahlt. Das alles änderte sich schlagartig, als über Weihnachten zwölf Familienmitglieder ihrer Arbeitsgeberin aus Australien zu Besuch kamen, vier Wochen blieben und sich von vorne bis hinten bedienen ließen.

Die Haushaltshilfe schuftete rund um die Uhr, alle freien Tage wurden gestrichen. Als sie nach der Abreise der Gäste dafür einen Lohnzuschlag verlangte, wurde es noch schlimmer. Einen Monat stand sie unter Hausarrest, ihr Lohn wurde fortan um zehn Prozent gekürzt und die freien Tage auf zwei pro Monat halbiert – Strafen ihrer Arbeitsgeberin, der die junge Frau völlig rechtlos ausgeliefert war.

Victorias Fall, von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in dem Bericht „Mein Schlaf ist meine Pause“ dokumentiert, ist alltäglich in einer Region, in der inzwischen mehr als 23 Millionen Ausländer tätig sind, darunter 2,4 Millionen Haushaltshilfen. Andere angeworbene Frauen machen weitaus extremere Erfahrungen, sie werden geschlagen und gedemütigt, als „Esel“ oder „Tier“ beschimpft, bekommen tagelang nichts zu essen oder werden Opfer sexueller Übergriffe.

Einer 28 Jahren alten indonesischen Hilfe brach ihr Arbeitgeber die Hand, als er ihr den Arm umdrehte. Anschließend weigerte er sich, sein Opfer zum Arzt zu bringen – ein Vorfall, den die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte. Die indonesische Botschaft in Katar gibt an, durchschnittlich fünf bis zehn Haushaltshilfen suchten täglich Schutz in der Mission.

Die sechs superreichen Golfstaaten Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, die Arabischen Emirate und Saudi-Arabien präsentieren sich gerne als glitzernde Beispiele von Modernität, Zivilisation und Wohlstand inmitten einer Region, die ansonsten von Bürgerkriegen, Gewalt und Fanatismus zerrüttet wird. Ihren Reichtum verdanken sie einerseits dem Öl. Andererseits den Millionen von Arbeitskräften aus Pakistan, Indien, Bangladesch und den südasiatischen Staaten, die schlecht bezahlt und praktisch rechtlos auf den Großbaustellen schuften oder in arabischen Luxusvillen dienen.

Keine andere Weltgegend nutzt Migranten in solchen Dimensionen und mit solchen jährlichen Zuwachsraten. Die meisten arbeiten in Saudi-Arabien, wo sie 35 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In Kuwait liegt der Anteil der Arbeitsmigranten bei 70, in den Kleinstaaten Dubai, Abu Dhabi und Katar sogar zwischen 80 und 90 Prozent.

Jeder Neuankömmling braucht für sein Arbeitsvisum einen einheimischen „Sponsor“, der nach dem dubiosen Kafala-System allmächtig ist. Nach diesem „Sponsorship-System“ können Firmen Arbeiter in sklavenähnlichen Bedingungen halten.

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Ausreise nur mit Erlaubnis des Arbeitsgebers

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  • PS: Im uebrigen unterliegen auch die westlichen Auslaender in den GCC Staaten den Regelungen des Kafala-System und der Sponsor hat durchaus auch Pflichten. Diese Rechte und Pflichten sind in jedem Land etwas anders geregelt. Und eines ist auch nicht zu vergessen, alle Auslaender unterschreiben vor der Einreise freiwillig einen Arbeitsvertrag. Ich werde wohl noch ewig warten muessen, bis mal ein wirklich fundierter, gut recherchierter Artikel zu diesem Thema erscheint. Bei diesem handelt es sich wahrscheinlich um eine Schreibtischrecherche und das wird dem Thema und den betroffenen Menschen nicht gerecht!!!

  • Schlecht recherchiert,nur teilweise zutreffend fuer all GCC-Staaten, pauschalisierend und verurteilend ohne die Gesamtsituation aller Laender darzustellen!!!!!Die aufgezeigten Faelle existieren leider sicher und die beschriebene Situation ist sicher auch fuer Katar und SA teilweise zutreffend, aber sicher nicht bzw. nur teilweise fuer Dubai und Abu Dhabi. Arbeitnehmerrechte, Krankenversicherung in Abu Dhabi und staatliche Kontrolle der Lohnzahlungen existieren hier schon laenger!!!Waere es nicht besser gewesen die Situation etwas genauer und komplexer darzustellen und das auch Laenderbezogen zu tun oder geht es nur um die pauschale Verurteilung der "Araber" ???? Schade Schade !!!!!

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