Migration
„Ich suche nicht das Paradies“

Vor knapp einem Jahr hat die Europäische Union in Mali ein Beratungszentrum für Auswanderungswillige eingerichtet. Es weckt mehr Hoffnungen, als es erfüllen kann. Die meisten Auswanderer suchen einfach nur einen Platz, an dem sie arbeiten können.

BAMAKO. Die Luft flimmert. Abodoulaye Doumbia wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß vom Gesicht. Der 32-Jährige nickt seinem Kollegen zu. Gleichzeitig heben sie eine Holzkonstruktion an, die einer Krankenbahre gleicht. Darauf nasser Sand. Ihre Knie knicken leicht unter der Last ein. Mit wackeligen Schritten steigen sie die Uferböschung hoch und kippen den Sand auf einen Haufen. Ein Lastwagen wird ihn abholen.

Doumbia lässt sich in den Sand am Ufer des Niger fallen. Seit vier Stunden arbeitet er hier in einem Außenbezirk von Bamako, der Hauptstadt von Mali, in der prallen Hitze. Drei Euro verdient er am Tag. „Das reicht nicht für meine zwei Kinder, meine Frau und meine Geschwister. Wir haben kaum etwas zu essen. Ich will, dass meine Kinder später studieren, aber dafür brauchen wir mehr Geld“, sagt Doumbia.

Deshalb will er weg. Nach Europa. „Ich suche nicht das Paradies, ich suche einen Ort, an dem ich arbeiten kann, damit es meiner Familie besser geht.“

Abodoulaye Doumbia hofft, dass er diesen Ort gefunden hat: Er hat sich als Erntehelfer in Spanien beworben und ist gemeinsam mit 29 anderen Männern für diesen Job ausgesucht worden. Sechs Monate sollen die Malier auf den Kanarischen Inseln arbeiten. Das sieht der Vertrag vor, den Doumbia bereits im vergangenen Jahr unterschrieben hat. Jetzt wartet er auf seinen Einsatz.

Vermittelt hat ihm den Job eine Einrichtung der EU: das Zentrum für Information und die Steuerung der Migration (CIGEM), das in einem kleinen Haus am anderen Ende von Bamako untergebracht ist. Seit Oktober 2008 versucht die EU hier auf die Migration einzuwirken. Es ist ein Projekt, das es so noch nie in Afrika gab. Das Zentrum will die Bevölkerung bei der Suche nach legaler Arbeit in Europa beraten und vor den Gefahren illegaler Migration warnen.

Mali gilt als das drittärmste Land der Welt. Deshalb ist die Zahl der Auswanderer hier besonders hoch. Ein Drittel der zwölf Millionen Malier lebt im Ausland. „Daher haben wir uns für Mali als ersten Standort für solch ein Zentrum entschieden“, sagt Giacomo Durazzo, der Chef der EU-Delegation in Bamako, der für das CIGEM verantwortlich ist. Die EU finanziert das Projekt zunächst mit zehn Millionen Euro. Nach und nach sollen solche Zentren auch in anderen afrikanischen Ländern entstehen.

Seit der Eröffnung des CIGEM in Bamako kommt Abodoulaye Doumbia regelmäßig hierher. Er ist einer der wenigen Malier, die einen Vertrag als Erntehelfer in Spanien ergattern konnten. Die meisten Besucher – gut zwei Dutzend jeden Tag – bekommen diese Botschaft zu hören: „Europa braucht keine zusätzlichen Arbeitskräfte.“

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