Milch wird teurer
Brüssel nimmt Agrarmarkt ins Visier

Der berühmte Butterberg ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Wurde in den vergangenen Jahren von den Milchbauern der EU noch viel Überschuss produziert, geht der Trend aufgrund gestiegener Nachfrage jetzt in Richtung Knappheit. Die Folge: Preise für Milchprodukte steigen. Die Agarkommission hat nun vor, die strikten Regelungen des Marktes zu reformieren.

BRÜSSEL/DÜSSELDORF. Der aktuelle Boom auf den Lebensmittelmärkten in Europa verstärkt in der Brüsseler EU-Kommission die Bereitschaft, die EU-Agrarpolitik weiter zu reformieren. „Wenn der Trend anhält, werden wir uns insbesondere den Milchsektor genau anschauen“, hieß es gestern aus Kommissionskreisen.

Milchprodukte erleben derzeit einen bislang noch nie gekannten Aufschwung. In Deutschland stiegen die Preise für Magermilchpulver innerhalb der letzten 12 Monate um 61 Prozent. Der Preis für Butter stieg sogar um 82 Prozent. „Die Entwicklung in den übrigen EU-Staaten ist ähnlich“, sagte ein Mitarbeiter von EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel dem Handelsblatt. Der Milchindustrieverband (MIV) rechnet damit, dass beim Verbraucher bis zum Ende 2007 eine Milchpreissteigerung von rund zehn Prozent ankommen könnte.

Die Entwicklung führt dazu, dass die früher berüchtigten Butterberge inzwischen abgeschmolzen und die Milchseen ausgetrocknet sind. Aus der Kommission hieß es, die so genannten „Interventionslager“ der EU-Mitgliedstaaten seien so gut wie leer. EU-weit lägen derzeit noch 30 000 Tonnen Butter auf Halde. Vor zwei Jahren waren es noch 1,2 Millionen Tonnen, die am Markt nicht absetzbar waren und von der EU zu Tiefstpreisen aufgekauft wurden. Die Lager für Milchpulver sind nach den Brüsseler Angaben bereits seit Monaten völlig geräumt. Bis zu 1,5 Millionen Tonnen unverkäufliches Milchpulver waren früher die Regel. Die starke Nachfrage nach Trockenmilchprodukten in Asien sorgte jetzt für leere Regale.

Die aus Dänemark stammende EU-Agrarkommissarin will die derzeitige Hausse nutzen, um die Milchmärkte der Gemeinschaft weiter zu liberalisieren. Bei der letzten EU-Agrarmarktreform aus dem Jahr 2003 waren bereits die Subventionen an die Milchbauern von der Produktion entkoppelt worden. Dadurch wurden die Landwirte gezwungen, ihre Arbeit dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. Jetzt plant Fischer-Boel, die 2003 noch nicht angetasteten und seit vielen Jahren unveränderten Milchquoten deutlich anzuheben. Damit will die Dänin den Beschluss der EU-Agrarminister erleichtern, 2015 ganz aus dem Quotensystem auszusteigen. Rigide staatliche Restriktionen wie die Milchquote passen nach Überzeugung der EU-Kommission und zahlreicher Mitgliedsländer nicht mehr in liberalisierte Agrarmärkte.

Mit der Milchquote erhalten die Agrarbetriebe ein bestimmtes Milchkontingent zugeteilt. Landwirte können nur die im Kontingent zugewiesene Milchmenge an Molkereien verkaufen oder direkt an Verbraucher vermarkten. Für darüber hinaus erzeugte Milchmengen sind Abgaben an die EU zu zahlen. Die Regelung soll die Überproduktion begrenzen.

Ein Anstieg der Kontingente würde einerseits helfen, die tendenziell steigende Nachfrage zu befriedigen. Gleichzeitig könnte Fischer-Boel den lukrativen Markt für Milchquoten unterbinden. Denn die Quoten sind, ähnlich wie die Verschmutzungsrechte der Industrie, an Börsen handelbar. In Deutschland werden vier Mal im Jahr Quotenbörsen veranstaltet. Dabei setzen die Landwirte Milchquoten im Wert von schätzungsweise 500 Mill. Euro um. Nur bei knapper Verfügbarkeit rechnet sich der Quotenhandel.

Agrarmarktexperten schreiben die aktuelle Entwicklung auf dem Milchsektor unter anderem dem politischen Reformeifer des ehemaligen österreichischen EU-Agrarkommissars Franz Fischler zu. „Die steigenden Preise sind auch ein Ergebnis der Brüsseler Reformen von 2003“, sagt Willi Kampmann, Repräsentant des Deutschen Bauernverbandes in Brüssel. Der gesamte Markt habe sich früher an den niedrigen Interventionspreisen orientiert. „Heute werden reale Preise erzielt.“ Allerdings profitieren laut Kampmann die Erzeuger noch nicht in gleichem Umfang von dem Boom wie der Handel. So sei der Preis für den Liter Rohmilch innerhalb der letzten sechs Monate lediglich moderat, von 26 Cent auf 30 Cent gestiegen.

Doch hat der größte deutsche Milcherzeuger, die Nordmilch AG, die Auszahlungspreise an die Landwirte auf 32 Cent abgehoben, mit der Aussicht auf weitere Erhöhungen. Hinzu kommt: Alle bisher angesprochenen Erhöhungen im Milch-, Quark- oder Käsebereich betreffen allein die billigen Eigenmarken der Handelskonzerne, die rund die Hälfte der Umsätze auf sich vereinigen. Die großen Markenhersteller wie Nestlé, Danone oder Dr. Oetker müssen sich noch ein wenig gedulden, bis die Einzelhändler Ende 2007 zum so genannten „Jahresgespräch“ für das Geschäftsjahr 2008 bitten. Doch ist die Industrie hier eher gewohnt, dass die Händler die neuen Konditionen diktieren, als dass exorbitante Preiserhöhungen herauskommen könnten.

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