Militär
Risse in der Völkerfreundschaft

Russland schenkt Indien einen Flugzeugträger. So weit so gut. Aber das alte Ding muss rundumsaniert werden. Und geschenkt heißt noch lange nicht umsonst. Jetzt sollen die Inder rund drei Milliarden Dollar zahlen. Wie der pannenreiche Deal um ein altes Schlachtschiff die indisch-russischen Beziehungen belastet.

NEU–DELHI. Das Angebot klang wie eine Gefälligkeit unter alten Freunden. Russland werde Indien den Flugzeugträger „Admiral Gorshkov“ schenken, ließ das Moskauer Verteidigungsministerium die Emissäre aus Neu-Delhi wissen. Das Schiff stamme zwar noch aus dem Sowjet-Arsenal. Doch seine Modernisierung, so beteuerten die Russen, sei kein Problem. Indien müsse nur die zusätzlichen Kosten tragen. Den Umworbenen, seit Jahren scharf auf einen neuen Flugzeugträger, schien das ein gutes Geschäft. Und so verpflichtete sich Indien 2004, die runderneuerte „Admiral Gorshkov“ für 974 Mio. Dollar zu kaufen. Geplante Indienstnahme: 2008

Vor wenigen Tagen hat die mit dem Umbau betraute russische Werft Sevmash den Termin wieder einmal verschoben: Die Gorshkov soll jetzt erst 2013 fertig werden. Und dann mehr als dreimal so viel kosten, nämlich 2,9 Mrd. Dollar. Das seien, rechnete kürzlich der indische Rechnungshof dem Parlament in Neu-Delhi vor, 60 Prozent mehr als der Preis eines neuen Flugzeugträgers. Trotzdem sei die Lebensdauer der Gorshkov mit 20 Jahren nur halb so lang wie die eines neuen Schiffes.

Solche Zahlen bringen selbst das an Schlamperei gewöhnte Indien zum Kochen. Regierungsvertreter sprechen hinter vorgehaltener Hand von Betrug. Aus dem Freundschaftsdienst ist ein diplomatisches Desaster geworden. Wie ein Mühlstein hängt die Gorshkov an den traditionell guten indisch-russischen Beziehungen. Die Stimmung ist so schlecht, dass Russlands Präsident Dimitrij Medwedew sich unlängst zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt sah.

Doch statt von dem Kauf einfach zurückzutreten setzt die indische Regierung zähneknirschend auf Nachverhandlungen. Die Gorshkov werde dringend gebraucht, um den einzigen, überalterten indischen Flugzeugträger zu ersetzen, begründet Marinechef Sureesh Mehta die Treue zu den Russen. Die Suche nach einer Alternative sei keine Option, sie koste nur weitere wertvolle Jahre. Allerdings steckt Indien nicht nur beim Zeitplan, sondern offenbar auch finanziell in die Zwickmühle. 700 Mio. Euro Anzahlung hat die Regierung im Lauf der Jahre an Russland überwiesen. Sie fürchtet, das Geld beim Ausstieg aus dem Vertrag nicht zurückzubekommen.

Das Verteidigungsministerium reagiert denn auch schmallippig auf die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Nur, dass eine russische Delegation derzeit zu Verhandlungen in Delhi weilt, lässt ein Sprecher sich entlocken. Indien hofft, den Preis für die Gorshkov doch noch drücken zu können. Von 2,5 Mrd. Dollar ist die Rede. Die Russen aber, so heißt es, seien beinhart. Denn offenbar ist Indiens Verhandlungsposition wenig komfortabel. Der Rechnungshof jedenfalls wirft seiner Regierung totales Versagen vor.

Seit ihrer Inbetriebnahme 1987 war die Gorshkov ein Pannenschiff. Zehn Jahre später musterte Russland sie deshalb bereits wieder aus. Anschließend rostete sie vor sich hin, bis sie das Erbarmen der mit den Chinesen um die Wette rüstenden Inder fand. Ein Missgriff war auch die mit dem Umbau betraute Sevmash-Werft. Sie kannte sich zwar mit Bohrinseln aus, ein Schiff dieser Größe aber hatte sie nie gebaut und unterschätzte deshalb die Kosten des Umbaus.

Aber auch für Russland, bisher Indiens größter Waffenlieferant, könnte das Debakel noch teuer werden. „Wenn wir nicht vertragsgemäß liefern, wird das böse Folgen haben“, warnte Präsident Medwedew. Er wird an den Plan der Inder zum Kauf von 126 Kampfflugzeugen gedacht haben. Noch ist die russische MiG 35 für den Zehn-Milliarden-Auftrag im Rennen. Das kann sich schnell ändern.

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