Militäreinsatz Ägyptische Armee geht gegen Terroristen im Sinai vor

Ägyptens Armee hat am Sonntag Raketen auf mutmaßliche Islamisten-Häuser abgefeuert. Dabei wurden neun Extremisten getötet. Ein Armeesprecher sprach vom „bisher größte Militäreinsatz“ gegen Terrorismus im Sinai.
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Ägyptische Soldaten suchen in Bulldozern nach Tunneln zwischen Ägypten und dem Gazastreifen. Der Grenzübergang ist derzeit auf unbestimmte Zeit geschlossen. Quelle: AFP

Ägyptische Soldaten suchen in Bulldozern nach Tunneln zwischen Ägypten und dem Gazastreifen. Der Grenzübergang ist derzeit auf unbestimmte Zeit geschlossen.

(Foto: AFP)

KairoDie ägyptische Armee hat am Sonntag erneut mutmaßliche Verstecke islamistischer Rebellen auf der Sinai-Halbinsel beschossen. Wie bereits am Samstag feuerten Kampfhubschrauber Raketen auf Häuser nahe des Grenzübergangs Rafah ab, wie Augenzeugen berichteten. Bei den Einsätzen am Samstag wurden nach Armeeangaben neun Extremisten getötet. Laut einem Armeesprecher handelt es sich um den „bisher größten Militäreinsatz“. Unterdessen erhöhte die Justiz den Druck auf die islamistische Muslimbruderschaft, die Staatsanwaltschaft in Kairo erhob eine neue Anklage gegen Ex-Präsident Mohammed Mursi.

Der Grenzübergang Rafah zum Gazastreifen war bereits am Samstag auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Polizei und Armee hatten mit Kampfhubschraubern und Panzerwagen mehrere mutmaßliche Verstecke von Islamisten angegriffen, darunter in der Ortschaft Scheich Suwajid. Am Sonntag teilte die Armee mit, dabei seien neun „radikale Islamisten“ getötet und 15 Verdächtige festgenommen worden. Auch zwei Soldaten kamen nach inoffiziellen Angaben bei einem Gegenangriff der Aufständischen ums Leben.

Bei ersten Hausdurchsuchungen beschlagnahmte das Militär bereits mindestens zehn Luftabwehrraketen. Waffenschmuggel in den benachbarten Gazastreifen ist ein großes Problem in der Region. Es wird vermutet, dass Waffen aus den Arsenalen des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi ihren Weg in den Sinai gefunden haben. Al-Kaida-nahe Gruppen wollen dort ein Islamisches Kalifat errichten.

Am Sonntag setzte das Militär seine Raketenangriffe auf Häuser, Autos und Verstecke von mutmaßlichen Extremisten fort. Ein Mitglied der Sicherheitskräfte sagte, die Luftangriffe sollten den Weg für eine Bodenoffensive bereiten. Armeesprecher Ahmed Ali teilte am Sonntag auf seiner Facebook-Seite mit, es handele sich um den „bisher größten Militäreinsatz, um den Sinai vom Terrorismus zu befreien“. Die Armee habe mehrere Dörfer eingekesselt, in die sich Aufständische geflüchtet hätten. Die Aktion werde mehrere Tage dauern.

„Das ist bei weitem der größte Einsatz, den wir je gesehen haben und der Einsatz, auf den wir gewartet haben“, sagte Scheich Hassan Chalaf, Stammesoberhaupt aus dem Dorf Al-Dschura. Dort gingen seinen Angaben zufolge mindestens 50 Soldaten von Haus zu Haus, um nach Extremisten zu suchen. In Zukunft werde es weniger Angriffe von Rebellen auf Polizei und Militär geben, sagte er voller Zuversicht. „Entweder müssen sie fliehen, oder sie werden festgenommen.“

Ein anderer Stammesführer kritisierte den Einsatz als „willkürlich“. Er berichtete von einem Angriff auf das Haus eines Stammesanführers, der die Regierung unterstützt.

Dschihadisten aus dem Ausland kämpfen gegen Armee

Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mursi durch das Militär hat sich die ohnehin angespannte Lage auf dem Sinai weiter zugespitzt. Viele Dschihadisten aus dem Ausland sind in die Region gereist und kämpfen dort gegen die Armee. Unabhängige Berichterstattung ist allerdings schwierig. Ein Journalist vom Sinai ist seit Mittwoch in Haft, weil er die Erklärungen des Militärs zu ihren Operationen dort infrage gestellt hatte.

Bereits am Dienstag hatte die Armee bei Luftangriffen eigenen Angaben zufolge auf dem Sinai acht Islamisten getötet. In dem an Israel grenzenden Wüstengebiet hat die Gewalt zuletzt deutlich zugenommen. Das Verhältnis der Beduinen, die auf der Halbinsel die Mehrheit der rund 600.000 Einwohner stellen, zur Zentralregierung in Kairo ist seit langem gespannt. Sie werfen ihr wirtschaftliche Vernachlässigung vor. Unter dem Einfluss ausländischer Gruppen hat sich ein Teil der Beduinen radikalisiert.

Die Gewalt nährt die Furcht vor einem Wiederaufflammen des blutigen Konflikts zwischen Islamisten und dem Staat in den 90er Jahren. Bei dem bisher schwersten Angriff wurden am 19. August auf dem Sinai 25 Polizisten getötet. Nach Angaben der Armee starben in den vergangenen zwei Monaten insgesamt 58 Polizisten, 21 Soldaten und 17 Zivilisten in dem Konflikt. Sie selbst habe rund hundert Islamisten getötet.

Ein Vertreter der Sicherheitskräfte teilte derweil am Samstag mit, Spezialisten der Armee hätten an der Bahnstrecke zwischen den Städten Suez und Ismailia einen Sprengsatz entschärft. Demnach sollte die Bombe offenbar den Zug um 06.00 Uhr morgens treffen, doch hätten Dorfbewohner sie rechtzeitig entdeckt.

Am Donnerstag war Innenminister Mohammed Ibrahim in der Hauptstadt Kairo einem Autobombenanschlag entgangen. Er hatte daraufhin vor einer „Welle des Terrorismus“ gewarnt. Zu dem Anschlag bekannte sich am Sonntag eine Dschihadisten-Gruppe namens Ansar Beit al-Makdis im Internet. Die Gruppe von der Sinai-Halbinsel, die sich bereits mehrfach zu Angriffen auf Israel bekannte, kündigte weitere Angriffe auf den „Tyrannen“ Ibrahim und Armeechef Abdel Fattah al-Sisi an.

Ibrahim ist eine treibende Kraft beim gewaltsamen Vorgehen gegen die Anhänger des am 3. Juli vom Militär gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. Er spielte insbesondere eine zentrale Rolle bei der Räumung zweier Protestlager der islamistischen Muslimbrüder in Kairo, bei der am 14. August hunderte Menschen getötet wurden.

Mursi wegen Beleidigung angeklagt

Das Bündnis, das die Wiedereinsetzung Mursis fordert, hatte den Anschlag auf den Innenminister verurteilt und seinen Aufruf zu friedlichen Protesten erneuert. Experten warnen, dass die gewaltsame Unterdrückung der islamistischen Opposition zur Radikalisierung der Bewegung führen könnte.

Derweil geht die Justiz in Kairo weiter gegen die islamistische Muslimbruderschaft vor. Zusätzlich zu einer Reihe anderer Vorwürfe wurde Mursi nun wegen einer – Jahre zurückliegenden – Beleidigung der Justiz angeklagt. Mursi habe sich der Straftat schuldig gemacht, als er die 22 mit der Aufsicht der Wahl im Jahr 2005 beauftragten Richter des Wahlbetrugs bezichtigte, teilte der ägyptische Generalstaatsanwalt mit.

Zusammen mit anderen Führern der ägyptischen Muslimbruderschaft soll sich Mursi ferner wegen Anstachelung zur Gewalt vor Gericht verantworten. Ihm werden zudem unrechtmäßige Festnahmen und Folter vorgeworfen. Der erste frei gewählte Präsident des Landes wird seit seiner Absetzung durch das Militär am 3. Juli an einem unbekannten Ort festgehalten.

Unterdessen begann in Kairo ein Prozess gegen Mohammed al-Beltagi, einen führenden Muslimbruder sowie den salafistischen Prediger Safwat Hegasi und zwei weitere Islamisten wegen Gewalt gegen Polizisten.

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  • Islamisten, Extremisten, Terroristen ... die neuen Begriffe, die eine Aberkennung des Menschseins ermöglichen.

    Was ist ein Islamist?

    Was ist ein Extremist?

    Gelten für diese Menschen andere Rechte?

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