Militäreinsatz in Libyen
Nato beginnt neue Phase im Libyen-Krieg

Die Nato muss dem drohenden Massaker in Misrata zusehen: Bodentruppen sind laut Uno-Mandat tabu. Und so schickt sie keine Kampftruppen - aber immer mehr Militärberater. Der Einsatz wird damit deutlich ausgeweitet.
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Rom/Paris/London/Abu DhabiErst Großbritannien, dann Frankreich und nun Italien: Auch die Regierung in Rom wird zehn Militärberater zur Unterstützung der Rebellen nach Libyen schicken. Die Details würden noch ausgearbeitet, hieß es. Der Westen muss nach Einschätzung Italiens sein Engagement im Libyen-Konflikt im Rahmen des Uno-Mandats möglicherweise deutlich ausweiten. Machthaber Muammar Gaddafi werde sein Amt nur unter Zwang aufgeben, sagte Verteidigungsminister Ignazio La Russa am Mittwoch in Rom. Gaddafi habe Waffen zur Verfügung, die denen der Rebellen überlegen seien.

Kurz zuvor hatte Frankreich bekannt gegeben, eine kleine Zahl von Verbindungsoffizieren nach Libyen zu schicken. Der Sprecher der französischen Regierung, François Baroin, stellte am Mittwoch aber klar :„Wir fassen nicht die Entsendung von Bodentruppen ins Auge.“ Und bereits am Dienstag hatte die britische Regierung angekündigt, bis zu 20 Militärberater nach Libyen schicken zu wollen. Auch Hague betonte, der Einsatz sei von der Uno-Resolution gedeckt: Sein Land werde die Aufständischen nicht bewaffnen und sie auch nicht in den Kämpfen direkt unterstützen. Großbritannien hat den Rebellen bereits 1000 Splitterschutzwesten und 100 Satelliten-Telefone zur Verfügung gestellt.

Und dennoch stellt die Ankündigung eine weitreichende Veränderung des Einsatzes dar. Bislang bombardierte die Nato Gaddafis Truppen aus der Luft, ohne sich dabei mit den libyschen Rebellen abzusprechen. Nun beginnt die Allianz, offen mit den Aufständischen zusammenzuarbeiten, wenn sie auch nicht an ihrer Seite in den Kampf zieht. Bodentruppen nein, Militärberater ja - in dieser Notlösung kommt die ganze Widersprüchlichkeit des Einsatzes zum Ausdruck.

Der Schachzug der Nato ist verständlich. Das Uno-Mandat verbietet ihr eine Invasion in Libyen. Zusammen mit den Rebellen Gaddafi stürzen darf sie auch nicht. Andererseits kann sie die libysche Zivilbevölkerung aus der Luft nicht mehr wirksam genug schützen: Die Soldaten des Regimes versteckten sich als Zivilisten verkleidet in der Nähe von Krankenhäusern, feuerten von Moscheedächern auf Zivilisten und missbrauchten Frauen und Kinder als Schutzschilde, sagte der Kommandeur des Libyen-Einsatzes, General Charles Bouchard, dem kanadischen Fernsehsender CBC.

Zuschauen kann der Westen dem drohenden Massaker in Misrata aber auch nicht: Laut Rebellenangaben beschießen Gaddafi-Truppen dort Wohngebiete mit Artillerieraketen und Streubomben - die Munition ist wegen ihrer verheerenden Wirkung gegen Zivilisten international geächtet. Die Aufständischen flehen den Westen offen um eine Invasion an: Britische und französische Soldaten sollten auf der Basis der "humanitären" Prinzipien nach Misrata entsandt werden, fordern sie: "Wenn sie nicht kommen, werden wir sterben", sagte einer ihrer Sprecher.

Kommentare zu " Militäreinsatz in Libyen: Nato beginnt neue Phase im Libyen-Krieg"

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  • es muss eigentlich heißen:
    Die Nato muss dem drohenden DESASTER in Misrata zusehen.
    Es ist schon interessant, daß von den Rebellen gleich am Anfang eine neue Zentralbank ins Leben gerufen wurde, sowie der Handel mit Öl, Ihnen auch ausdrücklich erlaubt ist.
    Hier zeigt sich doch die ganze Doppelmoral der westlichen Gutmenschen und zu was deren hinterhälige Medienpropaganda eigentlich dient.
    Hierzu noch zwei gute Artikel aus den unabhängigen Medien:

    http://rottmeyer.de/index.php/vergiftete-hoffnung/

    http://www.radio-utopie.de/2011/04/21/analyse-zum-libyen-krieg-mediale-streubomben-uber-misrata/

  • Seit dem Jahre 1954 war Vietnam in einen kommunistischen Norden und einen antikommunistischen Süden geteilt, was zunächst als Provisorium gedacht war. Der Süden wurde nur wenige Jahre später Schauplatz eines Bürgerkriegs, den die Vereinigten Staaten als Bedrohung ihrer Interessen interpretierten. Die offene Intervention der USA begann mit der Bombardierung Nordvietnams vom 2. März 1965. Am 8. März 1965 landeten die ersten regulären US-Kampftruppen im Land. Zuvor war das südvietnamesische Regime bereits mit einem kontinuierlich verstärkten Kontingent von „Militärberatern“ gegen die Guerilla der kommunistisch dominierten Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (im Folgenden FNL – Front National de Libération –, auch NFL, im allgemeinen Sprachgebrauch Vietcong genannt) unterstützt worden. Die Grundlage für den offenen Kriegseintritt der USA bildete der gefälschte Tonkin-Zwischenfall vom August 1964, welcher der Regierung Johnson den Anlass gab, den US-Kongress davon zu überzeugen, ein offenes Eingreifen zu legitimieren.
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg)
    Geschichte wiederholt sich mit anderen Vorzeichen?

  • Jaja, Massaker überall, aber nur in Lybien wird eingegriffen. Wo bleibt die UN/Nato in Bahrein, Jemen Elfenbeinküste? Ach stimmt, da gibts kein Öl oder die Amerikaner sind schon da, zumindest Bahrein.

    Die Massaker an der Zivilbevölkerung ähneln denen im Kosovo, Irak und Afghanistanund man sollte sich einfach mal wieder "Wag the dog" ansehen, damit man weiß worum es geht.

    Schluß mit der Invasion in Lybien!

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