Militäroffensive
Die Angst vor dem Bürgerkrieg

Die ukrainische Armee und prorussische Aufständische stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Gewalt greift vom Osten auch auf andere Landesteile über. Die Zahl der Toten steigt, die Angst vor einem Bürgerkrieg wächst.
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Slawjansk/Moskau/KiewNach der Freilassung der entführten Militärbeobachter gleitet die Ostukraine zunehmend in bürgerkriegsähnliche Zustände ab. Mit Kampfhubschraubern und Panzerfahrzeugen gingen Regierungstruppen am Sonntag erneut gegen prorussische Separatisten vor, es gab Tote und Verletzte.

In der Ostukraine haben die prorussischen Separatisten nach eigenen Angaben zentrale Gebäude in Donezk sowie weiteren Großstädten wieder unter ihrer Kontrolle. „Wir haben die Verwaltungsgebäude in den entscheidenden regionalen Zentren eingenommen“, sagte der Anführer der selbst ernannten Volksmiliz, Miroslaw Rudenko, am Sonntag der Agentur Interfax. Allgemein sei die Lage ruhig, die Gefechte seien am Abend vorübergehend eingestellt worden.

Neben Slawjansk seien auch in Kramatorsk die wichtigsten Gebäude in den Händen der Separatisten. Dagegen hatte die prowestliche Regierung in Kiew am Morgen mitgeteilt, die Streitkräfte hätten die Ordnung in Kramatorsk nördlich von Donezk wieder hergestellt. Die Agentur Ria Nowosti meldete, in Kramatorsk sei die Zentrale des Inlandsgeheimdienstes SBU in Flammen aufgegangen.

Die ukrainische Armee hat die Belagerung der von prorussischen Milizen gehaltenen Stadt Slawjansk im Osten des Landes am Sonntag verstärkt. Soldaten mit sieben gepanzerten Fahrzeugen errichteten außerhalb der 160.000-Einwohner-Stadt einen Kontrollposten auf der Hauptverbindungsstraße in die Regionalmetropole Donezk, wie AFP-Reporter berichteten. „Die Stadt ist vollkommen umstellt“, sagte die Rebellen-Sprecherin Stella Choroschewa AFP.

Die Armee hatte ihre Offensive gegen prorussische Separatisten am Wochenende auf Städte wie Kramatorsk und Lugansk ausgeweitet. In Slawjansk, das zunächst Hauptziel des Einsatzes war, blieb die Lage zunächst ruhig. Am Freitag waren dort bei Kämpfen mindestens neun Menschen getötet worden.

Der „Anti-Terror-Einsatz“ werde fortgesetzt, kündigte Innenminister Arsen Awakow in Kiew an. Moskau befürchtet eine Großoffensive der ukrainischen Sicherheitskräfte und rief den Westen auf, Kiew davon abzuhalten. Die Bundesregierung verteidigte die Entsendung ihrer am Wochenende überraschend freigelassenen Militärbeobachter in die Kampfzone.

In einem Krisentelefonat mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte Russlands Präsident Wladimir Putin nach Kreml-Angaben von Sonntag einen Dialog zwischen der Zentralmacht in Kiew und den Protestführern.

Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der prowestlichen Regierung in Kiew gehen auf andere Landesteile über. In der Schwarzmeermetropole Odessa stürmte eine mit Knüppeln bewaffnete Menge am Sonntag den örtlichen Sitz der Polizei, um moskautreue Gesinnungsgenossen zu befreien. Spezialeinheiten drängten die Angreifer laut örtlichen Medienberichten zuerst zurück. Unter dem Druck der Demonstranten ließ die Polizei dann aber doch nach offiziellen Angaben 67 Personen frei.

Bereits am Freitag lieferten sich die Kontrahenten in Odessa schwere Straßenschlachten. Dabei wurde das zentrale Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt, wo Dutzende Menschen starben. Die Staatsanwaltschaft zählte insgesamt 46 Tote und 214 Verletzte.

Angesichts der nicht enden wollenden Gewalt streiten Russland und die ukrainische Führung darüber, wer dafür verantwortlich ist. Kiew verantworte ein „Blutvergießen, das schießende Truppen an unbewaffneten Menschen“ anrichteten, erklärte das Außenamt in Moskau. Awakow sagte jedoch: „Wir werden weiter gegen Extremisten und Terroristen vorgehen, die Gesetze ignorieren und das Leben der Bürger gefährden.“

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Steinmeier fordert zweite Genfer Konferenz

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  • @falx: Wenn Sie das wahrlich ernst meinen, dann haben Sie die Einstellung von deltaone absolut nicht erkannt und verstanden. Das war ein Schuss ins eigene Knie...

  • @donolli: Was die Propaganda anbetrifft, da gebe ich Ihnen Recht. Leider ist es absolut undurchschaubar, wem man eher vertrauen darf. Gesunde Skepsis sollte immer angewendet werden, egal welche Berichte man aus welcher Ecke auch zu lesen bekommt.

    Ich habe nicht das Recht mich in die Belange der Ukrainer oder der Russen einzumischen. Deswegen habe ich auch keine Pro- und Contra-Einstellung. Das Einzige was mich persönlich an der gesamten tragischen Entwicklung zutiefst stört, ist die Tatsache, dass Deutschland bereits viel zu tief in diesen Interessenkonflikt involviert ist. Wobei man sagen muss, dass Deutschland ja momentan auch gar keine andere Wahl hat. Natürlich spielen hier wirtschaftliche und politische Aspekte eine Rolle und Deutschland sollte versuchen, möglichst intelligent zu handeln und nicht so, wie es sich andere Staaten wünschen, und zwar dass Deutschland ein größeres Engagement als Führungsmacht an den Tag legt.

    So bleibt zu hoffen, dass sich beide beteiligten Staaten ihrer besonderen Situation bewusst sind und mit Kompromissen einen eigenen Dialog beginnen, der eine friedliche Einigung herbeiführt, ohne dass noch weitere Staaten direkt oder indirekt in diesen Konflikt mit hineingezogen werden.

  • Ich würde mir wünschen, wenn (zumindest) das Handelsblatt es beim Namen nennen würde. Es ist keine Armee der Regierung. Es sind Panzer der Putschisten. Der vom Volk gewählte Janukowytsch wurde vom Westen auf's schärfste davor gewarnt, auch nur einen Schuss auf die eigene Bevölkerung abzugeben. Und heute werden die Panzer gegen das ukrainische Volk geduldet. Herr Steinmeier unterstütze die Aufständischen auf dem Maidan. WARUM fährt er jetzt nicht nach Donezk und stellt sich in eine Reihe mit den Aufständischen gegen die Panzer? Ist das jetzt ein anderes Volk als auf dem Maidan? Sind die weniger Wert? Es sterben Menschen! Es ist Bürgerkrieg. Mitten in Europa! Reichte uns Jugoslawien nicht? Bei wem sind die Bombenlager immer noch überfüllt und müssen schleunigst geleert werden???

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