Militärparade in Moskau
Schweres Gerät und schwere Probleme

Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion hat Russland den Sieg über Hitler-Deutschland wieder mit Kampfpanzern und Interkontinentalraketen auf dem Roten Platz in Moskau gefeiert. Im Westen sorgt die „Leistungsschau“ nur für Verwunderung. Sie verdeckt zudem die tiefgreifende Krise, in der die russische Armee steckt.

MOSKAU. In den Augen vieler Veteranen und Ehrengäste leuchtete deutlich Stolz auf, als nun zum ersten Mal nach dem Ende der Sowjetunion auf der traditionellen Siegesparade anlässlich des Endes des Zweiten Weltkriegs wieder schweres militärisches Gerät über den Roten Platz rumpelte. Über hundert Fahr- und 32 Flugzeuge zogen am neuen Präsidenten Dmitrij Medwedjew und den handverlesenen Zuschauern vorbei. Viel beachtet in der Schau, die vor allem das wiedergekehrte russische Großmacht-Selbstverständnis unterstreicht, die Interkontinentalrakete Topol und der Kurzstreckentyp Iskander.

Während in Russland Umfragen zu Folge eine Mehrheit der Bürger die Rückkehr zur "sowjetischen Form" der Militärparade begrüßt, hat sie im Westen wohl eher Unverständnis hervorgerufen. Die "Leistungsschau" verdeckt zudem die tiefgreifende Krise, in der die russische Armee steckt.

Medwedjews Vorgänger Wladimir Putin hat zwar die Militärausgaben zuletzt um 16 Prozent auf rund 40 Mrd. Dollar erhöht, von den über 500 Mrd. Dollar, die den US-Streitkräften zur Verfügung stehen, ist dies aber noch ein Lichtjahr entfernt. Davon abgesehen ist Geld angesichts des Stroms von Petrodollars in die russische Staatskasse auch nicht mehr die entscheidende Schwachstelle: Es sind vielmehr die strukturellen Probleme. Neue Rüstungsprogramme laufen nur schwerfällig an, weil Russlands Rüstungssektor nicht über eine moderne Zulieferindustrie verfügt.

Die "Transformation", die westliche Armeen nach dem Vorbild der US-Streitkräfte hin zu leichteren und mit IT-Systemen vernetzten mobilen Einheiten derzeit durchführen, hat in Russland noch nicht einmal begonnen. Am schwersten wiegt aber die Blockade der Armeeführung gegen jegliche Reformansätze, wie zum Beispiel die Umstellung auf eine moderne Berufsarmee.

Dies wäre längst nötig. Nach Ansicht von russischen Militärexperten wie Alexander Golz würde eine Profi-Armee von rund 600 000 Mann den heutigen Sicherheits-Anforderungen vollauf genügen. Russland unterhält aber nach wie vor eine Wehrpflichtigen-Armee mit über einer Millionen Mann unter Waffen, die vor allem einen Sinn hat: Das Land gegen einen Angriff der Nato zu verteidigen, der in der russischen Militärdoktrin aber nicht mehr erwartet wird. Den Rekruten steht die absurde Zahl von rund 400 000 Offizieren gegenüber. Innere Führung ist in Russland nach wie vor ein Fremdwort, jährlich sterben junge Soldaten, weil sie von ihren Vorgesetzten zu Tode gequält werden oder angesichts der Schikanen den Freitod wählen. Die Moral der russischen Armee geht gegen Null.

Im korrupten Offizierskorps versickern zudem jährlich Milliarden von Rubeln - gegen den Vorstoß des noch amtierenden Verteidigungsministers Anatolij Serdjukow so etwas wie ein System von finanzieller Verantwortlichkeit und Transparenz einzuführen, entbrannte ein Proteststurm. Ziel seines Ansatzes ist, in den grauen Bereich der Armee-eigenen Firmen und des riesigen Landbesitzes einzudringen, einer Struktur, die den Zusammenbruch der Sowjetunion sowie die Verwerfungen der neunziger Jahre überlebt hat und die Bereicherung und Korruption dank fehlender Kontrollen geradezu einlädt.

Eines der ersten Dekrete des neuen Präsidenten soll zwar erreichen, dass die vielen ungenutzten Flächen – zum Teil auch in lukrativen Lagen in der Nähe von Großstädten – nun zum Wohnungsbau genutzt werden sollen. Die Generäle wehren sich aber dagegen mit der Begründung, diese Flächen strategisch nutzen zu können – im Falle eines Krieges mit der Nato.

Bei allem Stolz auf ihre Siegesparade und die interkontinentale Abschreckung auf dem Roten Platz, sagt eine Zahl sehr deutlich aus, was viele Russen über ihre Armee denken: Nach einer Schätzung des ehemaligen Präsidentenberaters Igor Schuwalow aus dem Jahr 2005 geben russische Eltern jedes Jahr sieben Mrd. Dollar an Bestechungsgeldern aus, um ihre Söhne in eine akademische Ausbildung zu befördern – der größte Teil des Geldes, wenn nicht alles, fließt, um sie vor dem Militärdienst zu schützen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

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