Milliardenkredite
IWF soll Ukraine vor dem Absturz bewahren

Die Ukraine will mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein Abrutschen in die schwerste Krise seit ihrer Unabhängigkeit verhindern. Dazu führt derzeit eine IWF-Mission in Kiew Verhandlungen über Milliardenkredite zur Stabilisierung und ein umfangreiches Reformprogramm.

BERLIN. Nach Angaben der ukrainischen Präsidialverwaltung geht es dabei um ein Stützungspaket von 14 Mrd. Dollar. Auch in Serbien, Pakistan und Island berät der IWF über entsprechende Rettungsprogramme.

In Kiew entwickelt sich derweil die Finanzkrise zu einem handfesten Wirtschafts-Crash: Inzwischen wurden die ersten Stahlhütten – die bisher 40 Prozent der gesamten ukrainischen Exporte produziert haben – stillgelegt und Arbeitgeber drohen mit Massenentlassungen. Ukrainische Unternehmer wie Stahlbaron Sergej Taruta vom Industrialny Sojus Donbassa (ISD) forderten die tief zerstrittene Exekutive aus Regierungschefin Julia Tymoschenko und Präsident Viktor Juschenko zu entschlossenem und gemeinsamen Handeln auf. Zugleich kündigte der ISD-Chef, dessen Konzern auch im benachbarten Polen krisengeschüttelte Unternehmen gekauft hatte, einen Stopp aller Investitionsprojekte in der Ukraine an.

An der Finanzfront überschlagen sich derweil die Nachrichten: Nachdem die Ratingagentur Fitch die Bonität des Landes weiter herabgestuft hat auf B+, droht dem Land nach einem Bericht der Kiewer Wirtschaftszeitung „Delo“ mittlerweile die Zahlungsunfähigkeit (Default). Der Ukraine drohe „eine Finanzkrise mit Abwertung der Landeswährung, negativen Konsequenzen auf den Finanzsektor und schweren Auswirkungen für die Realwirtschaft“, meint Andrew Colquhoun von Fitch Ratings. Bis zum Jahresende könnte das Leistungsbilanzdefizit von 7,7 Mrd. Dollar in den ersten sieben Monaten 2008 auf 15 Mrd. Dollar anschwellen, sagt Zentralbankgouverneur Wolodymyr Stelmach.

Die Nationalwährung Hrywna hat seit September bereits zwölf Prozent an Wert eingebüßt. Die Zentralbank hat seit 1. Oktober 1,9 Mrd. Dollar ins schwächelnde Bankensystem gepumpt und 75 Prozent der Einlagen garantiert. Dennoch steht mit der sechstgrößten Bank des Landes, der Prominvestbank, das erste Kreditinstitut vor dem Kollaps und soll nun entweder verstaatlicht werden oder von Russlands größter Bank, der Sberbank, übernommen werden. Das bestätigte der Chef der Sberbank Ukraine, Wjatscheslaw Jutkin. Zuvor hatten Sparer panikartig Filialen gestürmt und Guthaben abzogen. Da griff die Nationalbank durch und begrenzte am 13. Oktober die Kreditvergabe der Banken, den Handel mit ausländischen Währungen und untersagte vorfristige Abhebungen von Terminspargeldern.

„Unser Hauptproblem ist jetzt ein gewaltiger Vertrauensverlust“, räumt Oleksandr Schlapak ein, Vizechef der Präsidialadministration. Dabei hatte Premierin Tymoschenko noch Ende September vollmundig verkündet, „das Weltfinanzkrise geht an der stabilen Ukraine vorbei“.

Aber der größte Flächenstaat Europas ist besonders anfällig für externe Schocks: Die Ukraine generiert 47 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch Exporte. Die Hersteller des Hauptausfuhrprodukts beklagen, dass sie bei Preisen von unter 800 Dollar je Tonne nicht mehr profitabel Stahl kochen könnten. Doch die Tarife für das Metall sind wegen der weltweit verdunkelten Konjunkturprognosen bereits stark zurückgegangen. Zudem berge der hohe Anteil von Auslandsinvestoren am Bankenkapital (32 Prozent) laut Ökonomen die Gefahr von Kapitalabzug bei verschärften Liquiditätsengpässen.

Die Ukraine ist auch in anderer Hinsicht von der Weltkonjunktur stark abhängig: Bisher arbeiten mindestens drei Mio. Ukrainer mehr oder weniger legal im Ausland und überweisen mit 8,5 Mrd. Dollar jährlich gut sechs Prozent des BIP in ihre Heimat. Zwar habe die Ukraine Währungsreserven von rund 40 Mrd. Dollar.. Doch weist Wirtschaftsminister Bahdan Danylyschin auch daraufhin hin, dass von der Gesamtverschuldung des Landes in Höhe von gut 100 Mrd. Dollar 28,8 Prozent kurzfristige Verbindlichkeiten seien – die momentan eben schwer refinanzierbar seien. Zudem kämpft das Land mit Venezuela, dem Iran und Simbabwe um den zweifelhaften Titel des Staats mit der höchsten Inflation. Sie hatte im Mai 31 Prozent erreicht.

Hinzu kommt die schwere politische Krise zwischen Don und Karpaten: Präsident Juschenko hat gerade nach dem Zusammenbrechen der Koalition mit Premierin Tymoschenko das Parlament aufgelöst und für Dezember die dritte Wahl in drei Jahren ausgeschrieben.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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