Millionen Menschen droht weltweit der Hungertod. Grund sind die explodierenden Lebensmittelpreise. Die steigenden Kosten für Hilfslieferungen bringen selbst die Uno in Bedrängnis. Die Bundesregierung versucht jetzt mit weiteren Millionen für das Welternährungsprogramm gegenzusteuern. Trotzdem wird sich das Problem verschärfen.
BERLIN. Es ist für Millionen Menschen eine Rechnung des Schreckens, die der stellvertretende Chef des Welternährungsprogramms (WFP), John Powell, aufstellt. Wenn die finanzielle Ausstattung seiner Uno-Behörde durch die Geberstaaten nicht um mindestens ein Drittel aufgestockt wird, droht weltweit über 75 Millionen Menschen noch größeres Hungerleid. Die Kosten des Welternährungsprogramms zur Versorgung dieser Menschen sind seit vergangenem Herbst von jährlich 2,3 Milliarden US-Dollarn ausgehend um über 750 Millionen Dollar gestiegen. Schuld daran sind die weltweit explodierenden Preise für Nahrungsmittel.
Das trifft vor allem die Ärmsten. „Wenn wir ihre Hilfsportionen nicht dramatisch kürzen wollen, müssen wir die die finanziellen Mittel aufstocken“, sagt die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Ihr Ministerium hat die jährlichen Zahlungen von 23 Millionen Euro an das Welternährungsprogramm bereits verdoppelt. „Damit hat Deutschland eine Vorreiterrolle beim Kampf gegen den Hunger unternommen“, lobt Powell.
Allerdings ist der deutsche Beitrag wenig mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem, weil keine Entspannung der Lage in Sicht ist. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis oder Mais sind in den letzten Monaten durch die Decke gegangen und befinden sich weiter im Aufwärtstrend. Der Reispreis etwa stieg seit August um 60 Prozent, Mais oder Weizen wurden ebenfalls um zweistellige Prozentzahlen teurer. In zahlreichen Entwicklungsländern, etwa Ägypten, Haiti oder Kamerun, haben seitdem Menschen revoltiert, weil sie sich selbst eine Grundversorgung nicht mehr leisten können.
Die Vereinten Nationen, denen das WFP angegliedert ist, sind auch besorgt, „weil die Krise Regierungen in Entwicklungsländern schon dazu verleitet hat, Maßnahmen zu ergreifen, die das Problem auf lange Sicht eher verschlimmern als lösen“, so Powell. Er verweist etwa auf staatliche Preislimits für Lebensmittel und Exportverbote, die einige Regierungen in Entwicklungsländern verhängt haben.
Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. „Wir gehen davon aus, dass die Lebensmittelpreise zumindest mittelfristig so hoch bleiben“, sagt Powell. Die Uno versuchen deswegen, neben mehr Geld auch vorbeugende Hilfe in den betroffenen Ländern zu leisten. Dazu gehört eine bessere Entwicklung der Landwirtschaft. „Wir haben begonnen, in einigen Ländern Kleinbauern näher an den Markt zu bringen“, erklärt Powell. Denn nur eine professionelle Landwirtschaft kann Menschen überall auf der Welt versorgen.
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Während die Uno also vor allem die Entwicklungsländer im Blick hat, ist in Deutschland eine Debatte über die Mitschuld der Europäer an der Krise entbrannt. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, wie etwa die Caritas, schieben einen Teil der Schuld auf den Boom bei Biokraftstoffen. Seitdem in Europa die Nutzung von Mais, Zucker, Soja oder Raps als Kraftstoffe gefördert wird, entfallen solche Anbauflächen weltweit für die Nahrungsmittelproduktion.
Die Bundesregierung hält dennoch an ihren Bioenergieplänen fest. Sowohl Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) als auch Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) betonen, die Bundesregierung stehe zum Ausbau erneuerbarer Energien. Der Import von Energiepflanzen aus Entwicklungsländern soll weiter möglich bleiben. „Die Nutzung von Agrarprodukten als Energieträger hat nichts mit den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen zu tun“, versichert Gabriel. „Nur zwei Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche werden zur Energieerzeugung genutzt", erklärt Seehofer. Der Anteil sei zu viel gering, um die Nahrungsmittelpreise zu treiben. Statt die Nutzung landwirtschaftlicher Produkte einzuschränken, müssten in Deutschland, aber auch weltweit, schlichtweg mehr landwirtschaftliche Flächen genutzt werden.
Das Potenzial dafür ist da: Derzeit wird welweit nur auf etwa einem Drittel aller potenziell zur Verfügung stehenden Flächen intensiv Landwirtschaft betrieben. Die Bundesregierung ist überzeugt, dass diese Flächen nur reaktiviert werden, wenn sich das mit Blick auf den Preis für Agrar-Rohstoffe auch lohnt. Und deshalb müsse es eher mehr als weniger Verwendungszwecke für Landwirtschaftsprodukte geben.
Seehofer und Gabriel wollen den täglichen Flächenverbrauch in Deutschland vierteln, um wieder mehr Platz für die Nahrungsproduktion zu haben. „Es darf nicht sein, dass für Infrastrukturprojekte beste Landwirtschaftsflächen aufgegeben werden“, fordert Seehofer. Unterstützung erhält er dabei vom Deutschen Bauernverband. Der stellt klar, dass die deutschen Landwirte sich das Geschäft mit der Bioenergie nicht entgehen lassen wollen.
Um die Konkurrenz zwischen Energiepflanzen und Lebensmitteln zu entschärfen, setzt die Bundesregierung auf entsprechende Abkommen mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Einen ersten Schritt dazu macht die Bundeskanzlerin am nächsten Mittwoch während ihrer Lateinamerika-Reise. In Brasilien wird sie mit der dortigen Regierung einen Energievertrag unterschreiben, der die Brasilianer zu nachhaltiger Landwirtschaft verpflichtet.
Denn Lebensmittelkrise hin oder her: Umweltminister und Kanzlerin fürchten, ohne den Ausbau erneuerbarer Energien – und dazu gehört auch die stärkere Nutzung von pflanzlich gewonnenem Biodiesel – ihre Klimaschutzziele zu verfehlen.


