Während die Uno also vor allem die Entwicklungsländer im Blick hat, ist in Deutschland eine Debatte über die Mitschuld der Europäer an der Krise entbrannt. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, wie etwa die Caritas, schieben einen Teil der Schuld auf den Boom bei Biokraftstoffen. Seitdem in Europa die Nutzung von Mais, Zucker, Soja oder Raps als Kraftstoffe gefördert wird, entfallen solche Anbauflächen weltweit für die Nahrungsmittelproduktion.
Die Bundesregierung hält dennoch an ihren Bioenergieplänen fest. Sowohl Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) als auch Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) betonen, die Bundesregierung stehe zum Ausbau erneuerbarer Energien. Der Import von Energiepflanzen aus Entwicklungsländern soll weiter möglich bleiben. „Die Nutzung von Agrarprodukten als Energieträger hat nichts mit den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen zu tun“, versichert Gabriel. „Nur zwei Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche werden zur Energieerzeugung genutzt", erklärt Seehofer. Der Anteil sei zu viel gering, um die Nahrungsmittelpreise zu treiben. Statt die Nutzung landwirtschaftlicher Produkte einzuschränken, müssten in Deutschland, aber auch weltweit, schlichtweg mehr landwirtschaftliche Flächen genutzt werden.
Das Potenzial dafür ist da: Derzeit wird welweit nur auf etwa einem Drittel aller potenziell zur Verfügung stehenden Flächen intensiv Landwirtschaft betrieben. Die Bundesregierung ist überzeugt, dass diese Flächen nur reaktiviert werden, wenn sich das mit Blick auf den Preis für Agrar-Rohstoffe auch lohnt. Und deshalb müsse es eher mehr als weniger Verwendungszwecke für Landwirtschaftsprodukte geben.
Seehofer und Gabriel wollen den täglichen Flächenverbrauch in Deutschland vierteln, um wieder mehr Platz für die Nahrungsproduktion zu haben. „Es darf nicht sein, dass für Infrastrukturprojekte beste Landwirtschaftsflächen aufgegeben werden“, fordert Seehofer. Unterstützung erhält er dabei vom Deutschen Bauernverband. Der stellt klar, dass die deutschen Landwirte sich das Geschäft mit der Bioenergie nicht entgehen lassen wollen.
Um die Konkurrenz zwischen Energiepflanzen und Lebensmitteln zu entschärfen, setzt die Bundesregierung auf entsprechende Abkommen mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Einen ersten Schritt dazu macht die Bundeskanzlerin am nächsten Mittwoch während ihrer Lateinamerika-Reise. In Brasilien wird sie mit der dortigen Regierung einen Energievertrag unterschreiben, der die Brasilianer zu nachhaltiger Landwirtschaft verpflichtet.
Denn Lebensmittelkrise hin oder her: Umweltminister und Kanzlerin fürchten, ohne den Ausbau erneuerbarer Energien – und dazu gehört auch die stärkere Nutzung von pflanzlich gewonnenem Biodiesel – ihre Klimaschutzziele zu verfehlen.


