Mindestens 126 Tote
Bombenanschläge erschüttern die Türkei

In Ankara sterben bei Anschlägen Dutzende Menschen. Die Opposition sieht sich im Fadenkreuz – und glaubt Erdogans Beteuerungen nicht, die Bluttat aufklären zu wollen. In der Türkei ist die Demokratie in Gefahr.

Istanbul/AnkaraBomben auf einer Friedensdemonstration: Bei einem Terroranschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind mindestens 126 Menschen getötet worden. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP war nach eigener Einschätzung Ziel des Anschlags vom Samstag und macht der Regierung schwere Vorwürfe. Nach dem Doppelanschlag könnte einem HDP-Funktionär zufolge die Opferzahl noch deutlich steigen. Mehr als 500 Menschen seien verletzt worden. Zuletzt hatte die Übergangsregierung am Samstagabend mitgeteilt, 95 Menschen seien getötet und 246 verletzt worden.

Zu der Bluttat, zu der sich zunächst niemand bekannte, kam es drei Wochen vor Neuwahlen für das Parlament. Die Doppeldetonation vor dem Hauptbahnhof ist der schwerste Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes. In ersten Reaktionen aus dem Ausland wurde der Anschlag auch als Angriff auf Demokratie und Meinungsfreiheit in der Türkei verurteilt: Sollte sich bestätigen, dass es sich wie vermutet um die Taten von Terroristen handele, „dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind“, schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu.

Die US-Regierung bekräftigte angesichts des Anschlags ihre Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus. „Derartige entsetzliche Gewalttaten werden uns ganz gewiss nicht abschrecken, sondern uns nur in unserer Entschlossenheit bestärken“, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Ned Price. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg betonte: „Alle Bündnispartner stehen Seite an Seite im Kampf gegen die Geißel des Terrorismus.“

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte: „Ich verurteile diesen abscheulichen Angriff zutiefst, dessen Ziel die Einheit, Solidarität und der Frieden unseres Landes gewesen ist.“ Erdogan versprach eine Aufklärung des Anschlags, zu dem sich zunächst niemand bekannt hatte. Laut Innenministerium ereigneten sich die beiden Explosionen um 10.04 Uhr (Ortszeit/09.04 MESZ) vor dem Hauptbahnhof in Ankara. Die HDP und andere regierungskritische Gruppen hatten Demonstrationsteilnehmer dazu aufgerufen, sich ab 10Uhr am Bahnhof zu versammeln. Die Demonstration sollte um 12 Uhr beginnen.

Auf Bildern waren Leichen zu sehen, die mit Flaggen und Bannern unter anderem der HDP bedeckt waren. Ein Video zeigt, wie junge Demonstranten tanzen, als hinter ihnen eine der Bomben detoniert. Augenzeugen hätten von zwei Selbstmordattentätern gesprochen, die Polizei sei nicht vor Ort gewesen. Als Polizisten nach 15 Minuten eingetroffen seien, hätten sie Tränengas gegen Menschen eingesetzt, die Verletzten helfen wollten. Für den Abend wurde über Twitter zu Demonstrationen in mehreren türkischen Städten aufgerufen.

Der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, machte die islamisch-konservative Staatsführung für die Tat verantwortlich. „Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk“, sagte er. „Ihr seid Mörder. An Euren Händen klebt Blut.“ Auch dieser Vorfall werde nicht aufgeklärt werden. Demirtas kritisierte, die AKP-Regierung habe weder den Anschlag auf pro-kurdische Aktivisten im Juli im südtürkischen Suruc noch den auf eine HDP-Wahlveranstaltung im Juni in der Kurdenmetropole Diyarbakir aufgeklärt.

Den Anschlag in Suruc mit 34 Toten hatte die Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugeschrieben, die sich aber nie zu der Tat bekannte. Kurz nach dem Anschlag eskalierte der Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Regierung, der seit Juli Hunderte Menschen das Leben kostete.

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