Mini-Einigung in der Flüchtlingskrise
Unrühmliches Trauerspiel auf Zeit

Die Zeit drängt: Die Grenzkontrollen in Europa offenbaren die Hilflosigkeit der Politik. Trotzdem kommen die EU-Innenminister bei der Umverteilung der Flüchtlinge nicht weiter. Wo bleibt der europäische Gemeinsinn?

BrüsselWiedermal haben sich die EU-Staaten bei der Lösung der Flüchtlingskrise nur auf den allerkleinsten Nenner einigen können. Zwar akzeptierten die Innenminister bei ihrem Sondertreffen am Montagabend den Vorschlag der EU-Kommission zur Umsiedlung von insgesamt 160.000 Asylsuchenden aus Ungarn, Griechenland und Italien im Grundsatz. Doch mehrere osteuropäische Staaten sperren sich weiter gegen ein verpflichtendes und dauerhaftes Quotensystem zur gerechteren Umverteilung. Eine Entscheidung soll nun beim nächsten regulären Innenministertreffen am 8. Oktober fallen. Damit geht das unrühmliche Trauerspiel auf Zeit weiter.

Dabei hat die Gemeinschaft in Wahrheit keine Zeit mehr zu verlieren. Das zeigt die von Deutschland ausgelöste Kaskade der Wiedereinführung von Grenzkontrollen in mehreren europäischen Staaten. Macht das Schule, und ist es von längerer Dauer, dann droht die Aushöhlung des Schengen-System der Freizügigkeit, das Europas Bürger so gern in vollen Zügen genießen und von der die Wirtschaft des Binnenmarktes doch so sehr profitiert.

„Eine funktionierende europaweite Quotenregelung und funktionierende Hotspots zur Registrierung und geregelten Weiterleitung von Flüchtlingen machen Grenzkontrollen wieder überflüssig. Je rascher eine europäische Gesetzgebung kommt, umso besser“, sagte EU-Kommissar Günther Oettinger dem Handelsblatt. Recht hat er.

Doch es scheint als trauten sich einige europäische Partner nicht mehr über den Weg. Der Flüchtlingsandrang legt nicht nur die Schwächen der im Nationalstaatlichen verhafteten Asylpolitik bloß. Er deckt auch einen Mangel an Gemeinsinn innerhalb der Gemeinschaft auf.

Doch hat eine Union der Staaten, die mehr und mehr auf Misstrauen gründet – auch der Fall Griechenland lässt grüßen – noch das Vertrauen ihrer Bürger verdient? Die politisch Verantwortlichen gehen großes Risiko. Wenn die Mitgliedstaaten nicht endlich eine gemeinsame und nachhaltige europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise finden, treiben sie die EU selbst immer tiefer in die Krise. Es steht zu befürchten, dass es daraus dann so schnell kein Entkommen geben wird. Und wohl nur Verlierer.

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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