Ministerpräsident Zapatero hat Spanien in einem Jahr gründlich verändert – und sich die Kirche zum Feind gemacht
Der Heide an der Macht

MADRID. Er beschmutzt unsere Traditionen und handelt gegen den mehrheitlichen Willen der Spanier.“ Jaime Guerra ist 55, er hat die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt, das ist typisch für Spanier in seinem Alter. Typisch ist auch, dass Guerra mit der liberalen Gesellschaftspolitik seines 44 Jahre jungen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero nicht zurechtkommt. Und es sind nicht nur Katholiken, die seit Monaten Propaganda gegen ZP machen. ZP, so heißt Spaniens linker Regierungschef in vielen Gazetten.

ZP ist für Guerra ein Anlass des Protests. Er steht in eisiger Kälte vor Madrids wichtigster Kirche, der Kathedrale de la Almudena. Dort, wo im vorigen Jahr der Thronfolger Prinz Felipe mit Pomp verregnete Hochzeit feierte, steht jetzt Guerra und verteilt Flugblätter. Auch dem Papst gehe ZP zu weit, sagt er. Auf den Handzetteln steht: „Lass dir nicht deinen Glauben nehmen! Halt an Gott fest“. Die Menschen, die aus der Nachmittagsandacht strömen, greifen zu. Oft landen die Zettel im nächsten Abfalleimer.

Zapatero und die Kirche, das ist eine eigene Geschichte. Der Ministerpräsident träumt von einer strikten Trennung von Staat und Kirche nach dem Vorbild Frankreichs. Auch deshalb hat er seit seinem Amtsantritt im April 2004 die spanische Gesellschaft umgekrempelt wie kaum ein anderer vor ihm. Nach acht Jahren konservativer Regierung hatte seine Partei, die PSOE, nach dem Terror des 11. März überraschend die Parlamentswahlen gewonnen.

Viele Spanier glaubten, dass der damals amtierende Präsident José María Aznar bei der Aufklärung der Attentate versucht hat, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Tagelang hielt er daran fest, dass die baskische Terrororganisation Eta der Urheber der Anschläge sei, obwohl internationale Geheimdienste davon ausgingen, dass islamistische Terroristen hinter den Attentaten steckten.

Aznar aber, der spanische Soldaten trotz breiten Widerstands der Spanier in den Irak geschickt hatte, hielt an seiner Version fest – was ihn das Amt kostete. Denn in Windeseile wuchs der Hass gegen den bis dato wegen seiner wirtschaftlichen Reformen auch international hoch gelobten Aznar. Am 14. März 2004 verlor er gegen Zapatero. Die Mehrheit der Spanier hatte ihn wegen seiner Irak-Politik für die 191 Todesopfer des 11. März mitverantwortlich gemacht.

Kaum im Amt, begann Zapatero mit der gesellschaftspolitischen Modernisierung. Der Mann mit dem Jungenlächeln wurde von Tag zu Tag beliebter. Der Jurist aus der altkastilischen Stadt León veränderte das Klima in einem immer noch in vielen Bereichen altbackenen Spanien. Kaum gewählt, zog er die Soldaten aus Spanien ab. Locker im Stil, liberal in der Substanz, suchte der zweifache Vater den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen, nur die traditionell einflussreiche katholische Kirche, die stieß er vor den Kopf. Es begann mit seinem Entschluss, Forschung an embryonalen Stammzellen zuzulassen. Dann vereinfachte ZP das Scheidungsrecht und setzte die völlige Gleichstellung der Homosexuellen vor dem Gesetz durch. „Weil jede Generation ihre Spuren hinterlassen muss“, sagt der hoch gewachsene Spanier mit den blauen Augen.

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